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Kommentar zur Jurydebatte
Chöre gehören also in die Kirche? Der Chor ist ja viellei

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Kommentar zur Jurydebatte um den 35. Mülheimer Dramatikerpreis

Sieg der Artistik

von Anne Peter

4. Juni 2010. Es wird viel gelobt und viel geweint, bei dieser Jurydebatte zum Abschluss der 35. Mülheimer Theatertage. Als Wolfgang Kralicek, Vertreter des Auswahlgremiums, den "starken Jahrgang" würdigt, können ihm seine vier MitjurorInnen – der Theaterkritiker Vasco Boenisch, die Schriftstellerin Katja Lange-Müller, die Dramaturgen Josef Mackert und Laura Olivi –, die auf dem Podium um den Moderator Gerhard Jörder versammelt sind, nur zustimmen. Aus den 140 Uraufführungen seien 15 bis 20 Stücke in die engere Wahl gekommen. Und ja, auch mit den sieben letztendlich vom Gremium für den Wettbewerb nominierten Stücken ist man zufrieden – allseitiges Nicken und immer wieder der Drift in Superlative: "Großartig", "hochintelligent", "meisterhaft", "hervorragend", "unglaublich virtuos", "hoch beunruhigend" sei dieses oder jenes Stück.

Einigkeit herrscht auch darüber, dass dieser Jahrgang eine Politisierung der neuen Dramatik andeute. Die präsentierten Stücke gingen auf die derzeitige politische und ökonomische Entwicklung ein, so Olivi auf Jörders Frage nach den Schwerpunkten und Tendenzen dieser Dramen-Saison. Hier fänden sich "richtig scharfe Kritiken auf unsere Gesellschaft". Mackert pflichtet ihr bei, Globales werde im Lokalen und Lokales im Globalen aufgezeigt. Lange-Müller ist froh, dass die "L'art-pour-l'art-Phase" passé und die Dramatik "thematisch existentieller" geworden ist. "Je schwieriger die Lage, desto besser die Stücke" – einer jener pointierten Lange-Müller-Sätze, die zum Unterhaltungswert der insgesamt wohltuend kontrovers geführten Debatte wesentlich beitragen.

Das Ganze der Globalisierung

Gremiumsvertreter Kralicek räumt ein, dass sich ein solch beinahe kuratiert wirkendes Tableau durchaus "nicht ganz zufällig" ergibt, und bestätigt: "In allen Stücken geht's um was, ums Ganze". Dieses Ganze umfasst Jelineks Finanzkrisen-Furioso ebenso wie das Globalisierungsnomadentum, das bei Dirk Laucke und Roland Schimmelpfennig durch einen Laster bzw. eine Schnellrestaurantküche voller asiatischer Emigranten repräsentiert wird.

Dirk Laucke (Für alle reicht es nicht) allerdings wird bereits in der so genannten "Abschiedsrunde", bei der jedes Jurymitglied drei Stücke aussortieren soll, aus dem Rennen genommen. Boenisch fehlt die "Verbissenheit", das Thema 'illegale Einwanderer' weiter zu denken. Mackert sind die Figuren zu negativ gezeichnet, und entsprechend sei es ein Leichtes, sie sich "vom Leib zu halten". Für Kralicek, der stets denkbar knapp gehaltene Statements einbringt, ist es einfach "das konventionellste" Stück.

Wie Laucke ergeht es auch seinen Jungdramatikerkollegen Nis-Momme Stockmann (Kein Schiff wird kommen) und Ewald Palmetshofer (faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete). Bei Stockmann fällt die theaterbetriebskritische Rahmen-Handlung negativ ins Gewicht, Boenisch empfindet sie als "selbstgenügsam" und "attitüdenhaft". Mackert hält die "Geschichte vom verlorenen Sohne", zwar für ein selbstironisches Experiment "voller brillanter Sätze". Allein das Stück-im-Stück sei nicht so furios, wie die Erwartungen, die hier geweckt werden.

Das Problem der Deutungshoheit

Gegen Palmetshofer wird zunächst ein "Bauchargument" ins Feld geführt: "Was hat das mit mir zu tun?", fragt Boenisch, der die Dialoge überdies "geschwätzig", die Monologe allzu "konstruiert" findet. Während Olivi ebenfalls "Probleme mit der Sprache" hat, kann sich Lange-Müller für die Palmetshofer'sche "Stummelsprache" durchaus erwärmen. Doch bleiben für sie viele Fragen an den Kindsmord-Schluss offen, der ihr kaum motiviert erscheint. Vieles verlaufe sich im Vagen, nach ihrem Geschmack "ein bisschen zu viel Deutungshoheit" für den Leser. Wie vor zwei Jahren bei "hamlet ist tot. keine schwerkraft" kann sich Palmetshofers denkwütige Klassikererkundung, die mit einer maximalen Aktivierung der Interpretationskraft des Zuschauers einhergeht, nicht als preiswürdiger ästhetischer Eigenwert behaupten.

Auch von Kathrin Rögglas konjunktivischem Gossip-Sampling rund um den Entführungs-Fall Natascha Kampusch (Die Beteiligten), das man zwar als "formstark", aber auch als "etwas redundant" (Kralicek, Mackert) empfindet, verabschiedet man sich. – Schweren Herzens, wie alle Beteiligten immer wieder betonen. Und Gerhard Jörder, der die Jurydebatte in diesem Jahr zum siebten Mal moderiert, merkt an, dass es "noch nie so viele Tränen und so viele Lobeshymnen" auf dem Podium gegeben habe. Lange-Müller weint Laucke, den sie als Favorit auf dem Zettel hatte, sogar noch mal ausgiebige "Elefanten-, nicht nur Krokodilstränen nach". Schließlich gehören dessen plebejische Figuren, inklusive des "Neo-Woyzecks" Heiner, für sie zu den "wahrhaftigsten überhaupt".

Der Resonanzraum der Finanzkrise

Mit Schimmelpfennigs Der goldene Drache bleibt allerdings noch ein Text, der asiatische Immigranten in den Blick nimmt, im Rennen. Dieses Thema funktioniert in der Preisdiskussion als gänzlich unhinterfragter Relevanzmarker: Es verströmt das nötige Globalisierungs-Flair, um die Preisentscheidung für Schimmelpfennig nicht als primär formalästhetisch orientiert erscheinen zu lassen. Mit 3 zu 2 Stimmen setzte er sich, durchaus nicht vorhersehbar, gegen Vorjahressiegerin Elfriede Jelinek und deren Wirtschaftskomödie Die Kontrakte des Kaufmanns durch, die in dieser Saison allerorten als Stück der Stunde gefeiert wurde.

Während Dea Lohers Diebe als elegant verschränktes Ensemble von "Short Stories" (Lange-Müller) von fast allen Seiten Hochachtung erfahren, sie aber kein Votum auf sich versammeln können, legen Mackert und Boenisch sich gleichermaßen für Jelinek ins Zeug und betonen den weit über die Finanzkrise hinausweisenden Resonanzraum, die Öffnung ins Allegorische, Jelineks visionäre Kraft, die triftige Verbindung von Inhalt und Form, die der Problematik vollkommen angemessene "Maßlosigkeit" des Textes. Boenisch, der sich überhaupt immer wieder insistierend einklinkt, hebt zu Recht darauf ab, dass dieser "exzeptionelle" Text gerade "unser Nichtwissen" gegenüber der Funktionsweise des uns umgebenden Systems kongenial veranschauliche.

Raffiniert verwoben

Und doch, für Jelinek hat es nicht gereicht. Nachvollziehbar noch die Chor-Aversionen von Lange-Müller ("Chöre gehören in die Kirche"). Weniger verständlich, was Olivi mit dem wiederholt angemahnten Fehlen einer "zweiten Ebene" eigentlich meint. Jelineks Text bleibe zu sehr an der Oberfläche. Man fragt sich, ob nicht genau das auch für Schimmelpfennig gilt, so virtuos er diese Oberfläche auch gestalten mag. Denn was erfahren wir bei ihm über die Lebenswirklichkeit illegaler Einwanderer? Interessiert sich der Autor für diese Figuren? Er tänzelt über naheliegende Klischees, bedient sich der bewährten Antupf-Technik, ohne ihnen mehr als die Bröckchen einer individuellen Geschichte zu gönnen. Die zur Prostitution gezwungene Asiatin wird überdies durch die eingebundene La Fontaine'sche Fabel von der Grille und der Ameise nicht nur mit der arbeitsscheuen Grille parallel geschaltet – eine höchst problematische Setzung, die ohne erkennbare Bruchstelle durch das Stück läuft –, sondern auch noch nahezu komplett stumm gestellt. Wieso kommen die, um die man angeblich bekümmert ist, eigentlich am wenigsten zu Wort?

In der Schlussrunde sind solche inhaltlichen Fragen kaum Thema. Gepriesen wird Schimmelpfennig für seine Kunstfertigkeit, für das vollendete literarische Handwerk. Es obsiegt die "artistischen Präzision" (Lange-Müller), das gut Gebaute, raffiniert Verwobene. Die "brisante, aktuelle Problematik", die Kralicek hier bearbeitet sieht, wird höchstens gestreift. Eingehender diskutiert wird das etwaige politische Angebot des Textes nicht. So fällt das, wofür dieser Mülheim-Jahrgang anfangs einhellig gelobt wurde, gerade beim Siegerstück unter Tisch.


Lesen Sie hier unseren Kommentar zur Auswahl der "Stücke 2010". Gab es noch mehr Preisverdächtiges im weiten Land? Unsere nachtkritik-KorrespondentInnen nennen ihre Entdeckungen. Und hier treffen Sie auf unsere Einschätzung zum diesjährigen Tableau und seinen Realismus-Angeboten vor der Jurydebatte.

 

Kommentare (5)

04. Juni 2010, 18:06
ingmar: ...
ein absolut zutreffender, sehr richtiger kommentar! gut, dass das mal jemand so klar benennt, wie sich die jury hier selbst um kopf und kragen geredet hat und am ende ein stück wählt, das alles, was die jury sonst gelobt hat, nicht hat.
04. Juni 2010, 21:06
zuschauer: Kritik der Kritik
Liebe Frau Peter,
ich verstehe nicht, warum Sie Ihre Aufgabe, die Jurydisskussion hier zusammengefasst wiederzugeben, zum Anlass nehmen, noch einmal das Stück von Schimmelpfennig schlecht zu reden. Dass das nicht Ihre Wahl gewesen wäre, haben Sie und Herr Rakow schon vor der Abschlussrunde deutlich gemacht. An dieser Stelle wird es zur stillosen Nachtreterei. Ausserdem kommen Sie Ihrer Chronistenpflicht schlecht nach, wenn Sie die Argumente für das Stück von Schimmelpfennig auf das Handwerkliche und die artistische Präzision reduzieren. Vor allem von Herrn Kralicek und Herrn Mackert gab es sorgfältige sowohl inhaltliche als auch formale Argumente für dieses Stück. Auch zur Parabel und ihrer Funktion in diesem Stück hat Herr Mackert eine Lesart vorgestellt, auf die Sie mit Ihren Bemerkungen überhaupt nicht eingehen.
Bei allem Respekt vor Ihren sonstigen Texten: Bei diesem Stück steht Ihnen anscheinend Ihre Voreingenommenheit im Wege und hindert Sie an einer fairen Beschreibung. Das tutt dem Stück und der Arbeit der Jury unrecht.
04. Juni 2010, 21:06
zuschauer II: ...
@zuschauer
hä? wieso ist das denn nachtreten, wenn man gegenargumente bringt? muss man vor der jury-entscheidung auf die knie fallen und einach nicken? was ist das denn für eine autoritätshörigkeit, die alle kritik mundtot machen will? damit würgt man jede diskussion ab. das finde ich nicht hilfreich.
zur arbeit der jury: welche inhaltlichen argumente waren das genau, die von der jury kamen? ich kann mich nicht erinnern.
05. Juni 2010, 01:06
I S: ...
Auch ich empfinde den Jelinek-Text weitaus komplexer und interessanter als den Schimmelpfennig-Text. Die Chor-Aversionen von Lange-Müller ("Chöre gehören in die Kirche") betrachte ich als wirkungsästhetisches Mittel, um den Widerspruch aufzuzeigen, welchen bereits Walter Benjamin mit seinem Begriff des "Kapitalismus als Religion" aufgeworfen hat.
Die Fabel von der Grille und der Ameise von Jean de la Fontaine wurde von Herrn Mackert dahingehend interpretiert, dass sie gemeinhin die arbeitsame Ameise lobe und die faule Grille tadele. Das gilt aber wohl nur für die Anfänge des (Industrie-)Kapitalismus. Mittlerweile sind wir in der Globalisierung bzw. im virtuellen Finanzkapitalismus angekommen. Da hilft es auch dem fleißigen Arbeiter/der Ameise nichts, wenn das verdiente und möglicherweise in Fonds angelegte Geld (das Kleinanlegerthema bei Jelinek) plötzlich durch das Platzen der Blase des Finanzkapitalismus weg ist. In dieser Situation greift der Arbeiter nun auf die die Zwangsprostituierte zurück, welche dringend Geld benötigt. In dieser Situation kann der Arbeiter sie zum eigenen Profit ausbeuten, weil sie von ihm abhängig ist. Hier wird der gute und fleißige Ameisen-Arbeiter also plötzlich selbst zum faulen bzw. ausbeutenden Grillen-Sklavenhalter/Kapitalisten.
05. Juni 2010, 12:06
Stefan: Wir sind der Chor
Chöre gehören also in die Kirche? Der Chor ist ja vielleicht das älteste theatralische Mittel was es gibt, Frau Lange-Müller. "Großartig", "hochintelligent", "meisterhaft", "hervorragend", "unglaublich virtuos", "hoch beunruhigend" ruft man und „artistische Präzision“ wird Schimmelpfennig bescheinigt. Also Juroren entpuppen sich da ja wohl eher als Hohepriester ihrer eigenen Ästhetik. All das, was da gelobt wird, findet man auch bei den Kontrakten des Kaufmanns, nur das Elfriede Jelinek nicht vordergründig diese Klischees bedient.
Mit der Juryentscheidung wird wieder ein Text abgewertet, der einfach nur Text sein will, ohne das Schielen nach der möglichst kongenialsten Umsetzung. Er bräuchte diese ja nicht einmal, man kann ihn auf einem Sofa sitzend vorlesen, das einem nachher unterm Hinter weggezerrt wird und alles wäre darin enthalten. Vielleicht sollte man die Stücke in Mühlheim auch nur szenisch Lesen, um Sie von den vorgefertigten Bildern einer Inszenierung zu befreien.
Vor allem, es geht heute eben nicht mehr nur um Individuen, wir sind alle verstrickt. Und genau das zeigt dieser Text von Elfriede Jelinek, wie kein anderer, nur will das wohl nicht jeder wahrhaben.

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