Am Horizont – Thomas Hölzl inszeniert Petra Wüllenwebers Demenzdrama
Delphine ohne Glückskonzept
von Christian Rakow
Mülheim, 19. Mai 2010. Ein gekacheltes Schwimmbecken hat Ausstatterin Alexandra Lesch rechterhand in eine Ibsen'sche Bürgerwohnung mit niedriger Decke hineingebaut. Das Blau des Wassers setzt sich im Parkett-Fußboden fort. Es ist Welt des Schwimmtrainings, die hier in das Zuhause des Jungen Janek hereinreicht, die Welt, in der sein Großvater (ein ehemaliger Olympiateilnehmer) ihn auf Bestleistungen hin trainiert. Ein Blick ins große Offene. Doch diese Welt verengt sich.
Janeks Großvater ist an Alzheimer erkrankt. "Immer mehr verschwindet. Manchmal sind es Gegenstände, manchmal Regeln, Verabredungen. Sie verschwinden einfach. Als gäbe es ein schwarzes Loch." Anfangs feilen beide noch weiter an Janeks Delphintechnik, doch bald versinken die Erinnerungen des Alten, wird das Zusammenleben zusehends beschwerlich und – wenn Großvater probiert, die Wohnung anzuzünden – riskant.
Mit pädagogischem Raffinement
Petra Wüllenweber schildert die Entwicklung der Krankheit präzise und mit wohltuend unterschwelligem Humor. Und der Saarbrücker Staatstheaterschauspieler a. D. Jürgen Kirchhoff greift sich die Altersrolle, als sei sie ihm eigens auf seinen kräftigen Leib geschneidert. Jedoch über der Phänomenbeschreibung der Demenz hängen zahlreiche andere Enden des Dramas lose herunter.
Janek (patent: Nicolas Bertholet) bewährt sich, bei durchgängiger szenischer Abwesenheit der Mutter, tadellos und mit pädagogischem Raffinement in der Pflege des Opas. Eine echte Problembewältigung oder Entwicklung muss da gar nicht stattfinden. Mögliche Deutungsprobleme angesichts des Todes seines Opas wischt Janek mit der titelgebenden Horizont-Metapher kurzerhand selbst vom Tisch: "Wenn du am Strand stehst, siehst du, wie sich weit draußen Meer und Himmel berühren. Da schwimmt Opa hin. Er schwimmt zum Horizont."
Der Sieg der Leistungsethik
Dass Janek Scheidungskind ist, wird lediglich angetippt. Kaum mehr Futter erhält die wachsende Freundschaft mit seiner Mitschülerin Anna (Sabine Merziger). Detaillierte Ansichten ihrer Annäherung werden durch eine Leistungsethik überdeckt, die Klassenarbeitsnoten und Wettkampfzeiten als Ersatz für umfangreichere Glückskonzepte (und entsprechende Gespräche) gelten lässt.
Dort wo Wüllenwebers Stück szenisch unterzuckert ist, verliert auch Thomas Hölzls geradlinige Uraufführungsinszenierung bisweilen Dynamik und Rhythmus. Da kommt es dann vor, dass Janek mit Anna, deren Vater Apotheker ist, die Wirksamkeit neuer Alzheimermittel bespricht und plötzlich unvermittelt aufbraust: "Ach ja...?! Und woher weiß Dein Papa das? Ist er Gott?" Andere Lücken werden von einem recht bunt geratenen Soundtrack zwischen Nelly Furtado und Tom Waits (!) gekittet. Wo sich der Abend aber auf die Zustandsbeschreibungen der Krankheit einlässt, ist er genau, erhellend, bisweilen ergreifend.
Am Horizont
von Petra Wüllenweber
Uraufführung am Theater Überzwerg, Saarbrücken, 24. Mai 2009
Regie: Thomas Hölzl, Ausstattung: Alexandra Lesch.
Mit: Nicolas Bertholet, Jürgen Kirchhoff, Sabine Merziger.
(ab 10 Jahre)
www.ueberzwerg.de
Einen genaueren Blick in den Text gibt's im Stückintro
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