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Kein Schiff wird kommen – Nis-Momme Stockmann holt poetologisch weit aus und verweigert ein Wendestück

Die Angst des Autors vor dem Thema

von Andreas Jüttner

So sind sie also, die jungen Bühnenautoren von heute: Lassen sich vom Markt Themen diktieren, über deren Nervigkeit sie dann lamentieren, während sie sich mit Bier zuschütten. Um dann doch was auf die Reihe zu kriegen, versuchen sie, die Lebenserfahrung ihrer Eltern künstlerisch auszuquetschen, lassen aber die Alten gleichzeitig spüren, wie sehr sie als Künstler über ihnen stehen. Und haben sie dann tatsächlich mal einen Tag nicht damit verbracht, sich selbst zu googeln, sondern eine Szene zu entwerfen, dann stehen sie schon kurz vor der höchsten Selbstbelohnung: "Perfekt. Zigarette rauchen. Onanieren? Nein. Erstmal noch ne Szene."

Es ist kein schmeichelhaftes Bild, das Nis-Momme Stockmann in seinem dritten Stück "Kein Schiff wird kommen" von seiner Zunft zeichnet. Aber der seit seinem Durchbruch 2009 viel gespielte Autor Stockmann nimmt sich von dieser Kritik nicht aus. Vielmehr stattet er seinen namenlosen Ich-Protagonisten, der so gern ein viel gespielter Autor wäre, mit zahlreichen autobiografischen Merkmalen aus. Und diese raffinierte Maske der Authentizität erlaubt es ihm, um so heftiger vom Leder zu ziehen. Gegen einen Theaterbetrieb, der vordergründig wirkt, als hätten junge Autoren jedes nur wünschenswerte Forum, während sie in der Praxis nur eine Maschinerie am Laufen halten. Und gegen die drohende Neigung, sich als Autor damit zu arrangieren.

Vom Auftragswerk abgenervt

Stockmanns Protagonist kehrt auf seine (und Stockmanns) Heimatinsel Föhr zurück, die er (wie Stockmann) als 15-Jähriger auf eigene Faust verlassen hat. Er ist inzwischen (wie Stockmann) in Berlin als Theaterautor aufgefallen und will nun seinen Vater interviewen – über die Wahrnehmung der Wendezeit 1989 auf der Insel Föhr. Denn das Stück spielt im Jahr 2009, und der Verlag des Autors will einen Theatertext zum Thema "20 Jahre Wende". Das interessiert den Autor zwar überhaupt nicht: "Alle nervt das", ist er überzeugt. Erfüllen will er den Auftrag aber doch: "Ich muss Geld verdienen." Und das, so seine Erkenntnis vom Theaterbetrieb, geht nur über die von Intendanten geforderte "Nachhaltigkeit" und "Brisanz". Weshalb er sich jetzt das politisch nachhaltige Thema, das seine Kindheit eher unauffällig tangiert hat, von seinem Vater mit persönlichem Schicksal unterfüttern lassen will.

Nebenbei wird auch die Kluft zwischen banalem Alltag und großformatiger Kollektiv-Erinnerung aufgerissen: Die einzige authentische Föhr-Anekdote kommentiert der Sohn verächtlich: "Das ist doch alles Zeitverschwendung! Das hat doch überhaupt keine Brisanz!" Doch die bierseligen Männergespräche umkreisen immer spürbarer eine blinde Stelle ihres Verhältnisses zueinander, bis sich ihr eigener Weltumsturz im Jahr 1989 enthüllt: die psychische Erkrankung der Mutter sowie die ungeklärte Rolle des Vaters bei ihrem Tod.

Wie Föhr cool wird

Seine Funken schlägt das Stück aus der so schlichten wie schlagenden Figurenkonstellation von Sohn und Vater. Eine solche stand schon im Zentrum von Stockmanns raketengleich durchgestartetem Debüt "Der Mann der die Welt aß" (drei Preise auf den Stückemärkten in Heidelberg und beim Berliner Theatertreffen). Hier ist sie noch konzentrierter und umfassender. Der Vater ist ein schlichter Insel-Spediteur, der den Heimkehrer mit enervierender Fürsorglichkeit betütelt. Der Sohn versteckt die Scham für seine dörfliche Herkunft hinter einer motzigen Großstadtattitüde und lässt seinen Frust über das ausbleibende Interesse an seinem Werk am einzigen Menschen aus, der sich wirklich dafür interessiert.

Die Dialoge der beiden, ohne Figurenzuordnung in die Textfläche aus Ich-Erzählpassagen gestreut, zeigen Stockmanns Stärke. In scheinbar kunstlosen, knapp-pointierten Sätzen wird eine ganze Beziehungs-Biografie aufgerissen. Etwa wenn der Vater zur Gesprächsauflockerung "cool" sagt und dafür abgemahnt wird. Darauf der Vater: "Das sagst du doch auch immer." – "Das hab ich gesagt, als ich 16 war." – "Das ist noch gar nicht so lang her, dass du das gesagt hast." – "Das ist voll lang her." Die infantile Trotzigkeit in dem Wörtchen "voll", die den Sprecher Lügen straft - das ist Stockmanns Gespür für Nuancen. Und dass er es selbst kursiv hervorhebt, belegt bei ihm sympathischerweise eben jenen Autorenstolz, den er in dem Stück gnadenlos bloßstellt.

Mut zur Gewöhnlichkeit

Das darf er auch deshalb, weil das Stück über weite Strecken jene Autorenangst dokumentiert, die der hohe Preis für diesen Stolz ist. Stockmanns Protagonist hat Angst, sich zu verkaufen, und Angst, sich zu öffnen – ein Konflikt, der ihn zur Hälfte des Stücks in eine Agonie stürzt, aus der ihn erst sein Vater rettet. Der nämlich ist nun bereit, sich zu öffnen und über den Tod der Mutter zu sprechen. Und daraus entstehen zwei Szenen, die sich durch Rollennamen und Regieanweisungen als Stück im Stück von der sonstigen Textfläche abheben – und in dieser doppelten Künstlichkeit umso unvermittelter wirken.

Mit diesen Szenen beglaubigt Stockmanns Protagonist seine zuvor gewonnene Einsicht, dass "alles, was mich berührt, in den  82,82 Quadratkilometern dieser schrecklichen Insel und am meisten in den 30qm der Wohnung meines Vaters liegt." Erst als er die Angst vor dieser Gewöhnlichkeit abstreift, kann er etwas Ungewöhnliches schaffen: einen erschütternden Text über den wortlosen Abschied des kleinen Sohnes von der panischen Mutter. Deren Tod wirkt auf ihn wie der Beginn einer neuen Zeit, wie "eine neue Freiheit" – und so hat sich der Mauerfall in Form der Anspielung hinterrücks tatsächlich ins Stück gemogelt.

Der Terror der Bedeutsamkeit

Man mag des Autors Geschimpfe auf die beschränkten Themenforderungen deutscher Intendanten für etwas übertrieben halten: Er unterstellt dem Betrieb, nur von "Terror, Nazis, Islam, Terror", sprich "Bedeutsamkeit! Bedeutsamkeit!" erzählen zu wollen. Dabei hat doch die deutsche Nachwuchsdramatik seit etlichen Jahren jede Menge allzu entbehrliche Spreu an Innerlichkeits-Szenografien auf die Studiobühnen des Landes gekippt.

Stockmanns Stück freilich gehört, um im Bild zu bleiben, zum Weizen. Es plädiert vehement für das Potenzial der Innerlichkeit und stellt es gleich selbst unter Beweis. Es hält auf Distanz und berührt umso mehr. Es handelt auf 30 Quadratmetern Deutschland 20 Jahre Geschichte und den schwierigen Umgang damit ebenso ab wie die Überbewertung der kollektiven Erinnerung. Ein poetologisches Stück, das von Theaterhass erzählt und in seiner rücksichtslos zupackenden Form von immenser Theaterliebe kündet. Ein Schiff, das kommt und einen mitnimmt.


Mehr zu Nis-Momme Stockmann.

 

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