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Alice: Im Wunderland! – Renat Safiullin realisiert Katrin Langes Lewis-Caroll-Adaption als zirzensisch verspieltes Musical

Lieder gegen die Ellenbogengesellschaft

von Anne Peter

Mülheim, 17. Mai 2010. Wenn das eitle Ei Humpty Dumpty, diese nach eigener Aussage "so bedeutende Persönlichkeit", Alice von der Mauer herab ansnobbt, schwebt ihm – schwupps – scheinbar schwerelos ein Schirmchen in die Hand. Später fliegt ihm aus dem Dunkel auch eine brennende Zigarre und ein Funken stiebender Zauberstab zu – Attribute der Bedeutsamkeit, versehen mit einem Hauch von Zauberei. Humpty Dumpty wird von dem Düsseldorfer Schauspieler Alexander Steindorf mit vorgeschnalltem Eierbauch auf eine Mauer gehockt. Seine Kollegin Tina Amon Amonsen steht schwarz gekleidet hinter ihm und lässt die dürren Ei-Beinchen wippen sowie Schirmchen, Zigarre und Zauberstab fliegen.

alice2Das Wunderland, in das Alice durch den Spiegel eintaucht, erweist sich in Renat Safiullins Inszenierung von Katrin Langes Lewis-Caroll-Adaption als nahezu perfektes Territorium für die Phantasie- und Wundermaschine Theater. Diese erschafft mit wenigen Mitteln eine ganze Welt. Kostüme mit Schauwert setzen bunte Klekse in Bühnenbild-sparsame Räume. So hockt Humpty-Dumpty zwar auf zweidimensionalen Backstein-Rudimenten. Für die Mauer zwischen den so streit- wie lieb-hab-süchtigen Puppen-Brüdern Twiedeldick und Twiedeldoof hingegen reicht es, das Alice in der Luft allein mit Worten imaginäre Steine aufeinander schichtet. Und fertig ist die schlichtende Barriere.

Mit Zigarre und Zauberstab

Safiullins Inszenierung lebt von einer Atmosphäre zirzensischer Verspieltheit und nimmt den Text in vielen Szenen lediglich zum Anlass, um vor allem auch die Zwischenräume spektakelig auszukosten. Schirmchen, Zigarre, Zauberstab, das alles steht nicht geschrieben in Katrin Langes Vorlage und macht doch einen wesentlichen Reiz der Aufführung aus. Das Stück entfaltet, wie viele Texte im Kindertheater, seine Qualität vor allem auch als Phantasie-Absprungs-Partitur, die von den Theatermachern weitergesponnen werden kann.

Die Figuren schlüpfen in eine deutlich künstliche Körpersprachlichkeit, die oftmals von dem reichhaltigen Instrumentarium des Bühnenmusikers Mathias Haus auf den Punkt gespielte Effekte aufgesetzt bekommt – hier ein Pling, da ein Plong und dort ein Rassel-Ratsch. Reichliche Song-Einlagen sorgen zusätzlich für Musical-Flair. Alice steht immer wieder im Kampf bzw. Krampf mit ihren Gliedmaßen, die sich an die Fortbewegung im Wunderland erst mühsam gewöhnen müssen. Akrobatisch angehaucht und gekonnt kampfsportlich dargeboten wird die Kampfszene zwischen Löwe und Einhorn. Und die schnittige Königin im goldenen Zackenkleid fuchtelt im Streit um die Torte gespreizt zu lateinamerikanischen Rhythmen.

Die Läuterung der Allerweltsjugend

Katrin Lange stellt die Caroll'schen Zentralmotive in eine Kindergeburtstags-Rahmenhandlung, in der lautstark nach "Fernsehen!" und "Torte!" verlangt wird. Grotesk verzerrt spiegelt sich diese genusssüchtige Allerweltsjugend aus der Wirklichkeits-Sphäre in den gierig sich bekriegenden Wunderwelt-Wesen. Nach ihrer abenteuerlichen Reise mit Krieg-Beendigungs-Erfolgserlebnis betritt Alice das reale Party-Terrain so selbstbewusstseinsgestärkt, dass ihr die übrigen Gäste ihre nicht gerade glockenhellen Lieder nicht weiter übel nehmen, sondern die vormalige Außenseiterin in ihrer Mitte akzeptieren. Oder ist selbst das noch Frucht des Wunsch- und Wunderdenkens jener Welt hinter dem Spiegel?

Die jungen Zuschauer kehren jedenfalls als theaterfreudige Wesen von dort zurück. Und sind übrigens für die kleinen Zaunpfahlswinke wider das egoistische Ellenbogenboxtum überraschend unempfänglich. "Meine Torte", ruft es zu gegebener Zeit aus dem Auditorium. Und "schade, dass der Krieg schon vorbei ist". So kommt die Action-reiche Performance der friedliebenden Botschaft ein wenig in die Quere.

 

Alice: Im Wunderland!
von Katrin Lange
Uraufführung am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf, 12. Februar 2009

Regie: Renat Safiullin, Bühne und Kostüme: Ella Späte, Musik: Mathias Haus, Choreografie: Marcus Grolle, Dramaturgie: Stefan Fischer-Fels.
Mit: Tina Amon Amonsen, Sina Ebell, Till Frühwald, Insa Jebens, Friederike Linke, René Schubert, Alexander Steindorf, Mathias Haus (Musik).
(ab 6 Jahren)

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de


Einen genaueren Blick in den Text gibt's im Stückintro

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