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Sieben Fragen an Werner Mink, Nina Peters und Gerd Taube – die drei Mitglieder des Auswahlgremiums für die KinderStücke antworten im Kollektiv

Lustvoll die Wirklichkeit befragen

1. Wie viele Kinder- und Jugendstücke haben Sie als Auswahljuroren für die diesjährigen Mülheimer KinderStücke begutachtet?

Wir haben ausschließlich Stücke für Kinder bis 12 Jahren gelesen, also keine Jugendtheaterstücke, und das waren insgesamt um die 45 Texte.

2. Was waren die Kriterien Ihrer Auswahl?

Da wäre erst einmal auf die formalen Kriterien hinzuweisen. Die Texte sollen von lebenden deutschsprachigen Autoren stammen und im letzten Jahr zur Uraufführung gekommen sein. Dieses Kriterium erklärt auch die überschaubare Anzahl von Texten, die überhaupt in Frage kamen.

Bei der Sichtung des gesamten Konvoluts haben wir dann zunächst ca. zehn Stücke ausgesondert, die keine literarischen Texte waren, sondern eher Dokumentationen der Aufführungen. Bei der engeren Auswahl hatte dann die literarische Qualität der Texte höchste Priorität. Ein Kriterium für diese Qualität ist der Bezug der Texte auf die kindliche Lebensrealität und den Erfahrungsvorrat der jungen Zuschauer. Wie unsere Auswahl zeigt, lässt sich diese Beziehung auch mit fantastischen Stoffen und Märchen herstellen. Die deutliche Distanz der derart dargestellten Wirklichkeit zur Lebensrealität der Zuschauer inspiriert die Autoren oftmals auch zu einer poetischen und literarisch verdichteten Gestaltung.

Der eher realistische Zugriff ist zwar oftmals handwerklich ohne Tadel, lässt aber gelegentlich die poetische Dichte vermissen. Auffällig ist ohnehin der nicht neue, aber unvermindert anhaltende Trend zu epischen Strukturen bis hin zum Erzähltheater. Diese Texte erzählen zwar interessante und bemerkenswerte Geschichten, ihnen fehlt es aber oft an der szenischen Kraft, wie sie die auf Dialog und dramatischer Handlung basierenden Theaterstücke ausstrahlen. Wir mussten dann bei unseren Sichtungsreisen aber auch die Erfahrung machen, dass die vorher festgestellte literarische Qualität der Texte bei so mancher Uraufführung vom Theater nicht eingelöst wurde.

3. Bearbeitungen klassischer Stoffe werden zum Mülheimer Wettbewerb eher selten eingeladen, weil sie es schwerer haben, den geforderten Originalwerkcharakter unter Beweis zu stellen. Demgegenüber finden sich unter den KinderStück-Nominierungen mit "Alice: Im Wunderland!", "Undine" und "Nathans Kinder" gleich mehrere solche Adaptionen. Wie kommt das?

Die Adaption von Märchen und Kinderbüchern, seit ein paar Jahren auch von Kinderfilmen, gehört zu den literarischen Traditionen des Kindertheaters und sie haben einen hohen Anteil am Gesamtrepertoire. Insofern ist die Auswahl durchaus repräsentativ.

Wir haben die bereits genannten Kriterien selbstverständlich auch bei den Märchenbearbeitungen und Kinderbuchadaptionen in Anschlag gebracht. In den ausgewählten Inszenierungen wird nach unserer Einschätzung die szenische Qualität der Texte adäquat in theatrale Gestaltung umgesetzt und so die besondere poetische Kraft der Texte entfaltet. Das beinhaltet auch die in den Texten und Inszenierungen angelegten Anknüpfungspunkte für die Lebenserfahrung der jungen Zuschauer, für ihre Vorstellungskraft und ihre Fantasie. Anders gesagt, nur wenn eine Adaption mehr leistet, als eine bekannte Geschichte mit den Mitteln des Theaters wiederzugeben, kann sie als eigenständiges und originäres Werk gelten. Dieses Kriterium liegt unserer Auswahl zugrunde.

4. Die diesjährigen Mülheimer KinderStücke werden erstmals als Wettbewerb ausgerichtet und treffen eine Auswahl aus Stücken für Kinder bis 12 Jahren. Inwieweit sind Stücke für Menschen ab 5 Jahren mit solchen für Menschen ab 10 Jahren überhaupt vergleichbar?

Auf der Grundlage der eingangs skizzierten Kriterien sind letztlich alle Theatertexte miteinander vergleichbar. Für Fünfjährige zu schreiben, ist außerdem eine viel größere Herausforderung als für ein erwachsenes Publikum. Viele Autoren scheuen sich sogar davor, für dieses Publikum zu schreiben, weil es ihnen fremd erscheint. Die Realität und Lebenshaltung der eigenen Generation zu reflektieren erscheint offenkundig einfacher, als sich literarisch mit der Lebensrealität von Fünf- oder Zehnjährigen und ihren Wünschen und Träumen, Ängsten und Nöten auseinanderzusetzen. Insofern ist der Wettbewerb der KinderStücke, der hier in Mülheim etabliert werden soll, auch eine Chance, die Realität des Kindertheaters in den Fokus einer Fachöffentlichkeit zu rücken, die oftmals noch zu zögerlich ihren ästhetischen Diskurs auch auf die Kunst für Kinder und Jugendliche ausweitet.

5. Ulrich Hub ist der einzige Mann in der diesjährigen Nominiertenrunde. Ist die Kinder- und Jugenddramatik eher ein Metier für Frauen?

Ganz sicher nicht! Im Hinblick auf das Gesamtrepertoire des Kinder- und Jugendtheaters ist das Verhältnis zwischen Autorinnen und Autoren eher ausgewogen. Richtig ist aber, dass gerade in der Theaterarbeit für jüngere Kinder eher Frauen als Autorinnen oder Regisseurinnen zu finden sind. Auch die Theaterpädagogik im Kinder- und Jugendtheater ist eher weiblich, während in der künstlerischen Leitung von Kinder- und Jugendtheatern Frauen und Männer gleichermaßen erfolgreich arbeiten.

6. In den letzten Jahren haben sich Kinder- und Jugendtheater und Erwachsenentheater einander ästhetisch angenähert. Die Grenze ist durchlässiger geworden, auch für viele Theatermacher, die heute selbstverständlich in beiden Bereichen tätig sind. Gibt es in Ihren Augen nichtsdestotrotz eine prinzipielle Eigenheit des Kinder- und Jugendtheaters?

Das Kinder- und Jugendtheater ist die einzige Theatersparte, die sich über das Alter ihrer Zuschauer definiert, weswegen es auch gern als Spezialtheater charakterisiert wird. Wenn es eine Eigenart des Theaters für Kinder und Jungendliche gibt, die es bei aller ästhetischen Nähe vom Erwachsenentheater unterscheidet, ist es eben diese deutliche Adressiertheit der Theaterkunst. Denn sie erfordert von den Machern eine doppelte Kompetenz und zwar in der Theaterkunst und der Kunstvermittlung.

Grundlage für diese Kompetenz ist eine aufgeschlossene Haltung gegenüber dem jungen Publikum, das im Theater nicht belehrt, sondern ästhetisch und emotional herausgefordert werden will, und die natürliche Neugier der Theatermacher auf ihr Publikum und seine Art, die Welt zu sehen. Dieser intergenerative Aspekt macht das Kinder- und Jugendtheater zu einem der letzten öffentlichen Räume der Begegnung der Generationen. Das ist wohl ebenfalls ein Grund dafür, dass sich auch das deutsche Stadttheater im letzten Jahrzehnt ganz deutlich den jungen Zuschauern zugewandt hat.

7. Auf welche thematischen oder ästhetischen Trends der gegenwärtigen Kinder- und Jugenddramatik sind Sie in Ihrer Auswahlarbeit gestoßen?

Auch hier muss, wie schon eingangs, einschränkend gesagt werden, dass wir auf der Grundlage unserer Sichtung keine Aussagen über die Dramatik für Jugendliche treffen können.

Die thematischen Trends im Kindertheater sind nicht neu. Wenn man von den erzählten Geschichten absieht, sind die Fragen nach der Identität und der Behauptung des Individuums in der Welt und die Suche nach dem Ort oder dem Zustand, der Glück und Selbstbewusstsein verheißt, noch immer drängende Fragen der Kindertheaterdramatik, weil es die Fragen von heranwachsenden Menschen seit jeher sind. Sie lassen sich sowohl in den alten Geschichten der Märchen und Mythen finden, wie in literarisch verdichteten Ausschnitten aus der gegenwärtigen Lebensrealität.

Kindertheater kann aber erst dann als Kunst wirken, wenn es nicht nur das Leben und die damit verbundenen Probleme abbildet, sondern sich lustvoll daran macht, gesellschaftliche Regeln, Haltungen und Verhalten von Menschen und die Strukturen von Macht zu befragen und sie in den Kontext der kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit zu stellen. Das heißt, Kindertheater muss nicht bunt und nett sein und auf den ersten Blick gefallen, aber es muss sich für sein Publikum interessieren, es als Partner begreifen und das in seiner Haltung gegenüber dem Zuschauer in der Aufführung manifestieren.

Das beginnt oft schon bei der Entscheidung des Autors für eine bestimmte Erzählweise und Bauform für sein Stück. Die Wahl fällt dabei oftmals auf epische Elemente oder die Form des Erzähltheaters. Und es ist zu vermuten, dass es vor allem die personellen Kapazitäten der Theater sind, die Autoren nötigen, Stücke zu schreiben, die mit einem bis drei Schauspielern zu besetzen sind. Die ästhetische Beschränkung hat ihre Ursachen also auch in den noch immer begrenzten Ressourcen des Kindertheaters. Insofern sind die KinderStücke ein weiterer Schritt zur Emanzipation und Gleichberechtigung des Theaters für Kinder, das Ziel eines Theaters für alle Kinder und Jugendlichen ist aber längst noch nicht erreicht.

 

Hier geht's zur KinderStücke-Übersicht.

 

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