Undine, die kleine Meerjungfrau – Nora Bussenius inszeniert Franziska Steiofs Klassikeradaption mit sinnlicher Opulenz
The first cut is the deepest
von Christian Rakow
18. Mai 2010. Lichterketten hängen wie Seetang in der abgedunkelten Bühne des Ringlockschuppens. Hier eine Schaukel, dort eine Spiegelwand. Alles funkelt. Soundtüftler Hennig Brand grundiert die Unterwasserwelt mit Hall und mystischen Elektroklängen. Tanzend, wogend umspielen sich die Nixe Undine und ihre Geschwister, in knöchellangen Glitzerkleidern, mit Seeblumengestecken in den Haaren. Ihre Gespräche sind mit einer grazilen Gebärdensprache unterlegt. Kleine Details, die sich zu einem großen Theaterereignis fügen.
Es ist ein Fest der Sinne, das Ausstatter Sebastian Ellrich und Choreographin Katja Wachter unter der Regie von Nora Bussenius schon in den ersten Minuten dieser Märchenadaption Undine, die kleine Meerjungfrau eröffnen. Sanft wechseln die Lichtkegel zwischen den Szenerien, geben den Blick auf immer neue Fabelwesen frei. Über allem Treiben herrscht kolossal der baumhohe Seekönig Kühleborn (Till Frühwald) und beäugt wachsam das Erwachsenwerden seiner Töchter. Seinem langen Schatten wird die umtriebige Meerjungfrau Undine entfliehen.
Ein Hauch von Nina Hagen
Franziska Steiof erneuert den Klassiker in wunderbar poetischen Dialogen und erzählt äußerst subtil und konzentriert von den Leiden der ersten Liebe, vom weiblichen Erwachsenwerden und der Emanzipation von der väterlichen Vormundschaft. In der Unterwasserwelt herrschen noch Neugier und unbedarftes Beisammensein. Dann ermöglicht ein Pakt mit der Meereshexe (Friederike Linke) Undine, in die Menschenwelt hinüber zu wechseln, wo Ordnung und Regeln herrschen und wo sich die vermenschlichte Meerjungfrau bald als Störfaktor erfahren muss. Das Flair des Exzentrischen umweht diese Undine von Tina Amon Amonson, ein Hauch von Nina Hagen.
Als starke Frau überfordert Undine ihren eher schüchternen Prinzen Hans (Christof Seeger-Zurmühlen) schon bald mit Lebenslust. Sie tanzt wilder als alle, sie scheut sich nicht vor Körperflüssigkeiten und leidenschaftlichen Küssen. "Igitt!", ruft das sichtlich faszinierte junge (für die Fabel vielleicht einen Tick zu junge) Publikum im Ringlockschuppen. Dass Hans sich nicht zur absoluten Liebe mit Undine bekennen kann, sondern lieber die "Andere" (Insa Jebens), seine brave, mütterliche Verlobte, wählt, federt diese Feier des wilden Mädchens raffiniert ab. Hier steckt ein Gegenangebot für alle Jungs, denen Mädchen vom Schlage einer Undine einiges an pubertärer Reife voraushaben.
Hoch in die Lüfte der Emanzipation
The first cut is the deepest, sagt man. Aber das muss ja nicht wörtlich genommen werden. Also verzichtet Undine darauf, ihren Liebhaber mit dem Messer umzubringen, um sich selbst vor dem Schicksal zu bewahren, in Meeresschaum verwandelt zu werden. Stattdessen macht sie sich durch ein versöhnendes Gespräch mit Hans emotional von ihm frei. Unsentimental und bestechend klar lösen die Akteure des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf (die wie gestern schon mit Alice: Im Wunderland! beweisen, dass sie zu den stärksten Jugendensembles im Lande gehören) diesen Konflikt.
Für das Happy End braucht es dennoch einen Deus ex machina. Undine wird durch einen Luftgeist aus dem Pakt mit der Meereshexe gerettet, entschwebt und feiert ihren endgültigen Abschied vom Vater: "Ich bin jetzt Luftgeistkind. Machs gut, Papa Kühleborn! Mach dir keine Sorgen um mich und freu dich am Blasenschlagen, ja? Ich hab dich lieb!" Aus der Tiefsee der ahndungsvollen Kindheit, über die dürren Inseln der ersten Liebe, hoch in die Lüfte der Emanzipation. So bezaubernd wird nicht oft über Adoleszenz erzählt.
Undine, die kleine Meerjungfrau
von Franziska Steiof
Uraufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus, 9. Februar 2010
Regie: Nora Bussenius, Bühne und Kostüme: Sebastian Ellrich, Musik: Hennig Brand, Choreographie: Katja Wachter, Dramaturgie: Stefan Fischer-Fels.
Mit: Tina Amon Amonsen, Till Frühwald, Insa Jebens, Friederike Linke, René Schubert, Christof Seeger-Zurmühlen, Henning Brand (Musik).
(ab 6 Jahren)
www.duesseldorfer-schauspielhaus.de
Einen genaueren Blick in den Text gibt's im Stückintro
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