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faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete – Ewald Palmetshofer beschert der Gretchen-Tragödie eine feministische Wendung

Der Landgewinner

von Anne Peter

Mindestens zwei Seelen wohnen in der Brust dieses Dramatikers. Wie schon in seinem Vorgänger-Drama hamlet ist tot. keine schwerkraft – nominiert für den Mülheimer Dramatikerpreis 2008 – mischt Ewald Palmetshofer in seinem "Faust"-Remake E und U, das Großdrama mit der TV-Sondersendung, die Sinnsucher mit Soap-Charakteren. Und wieder lässt er zwischen hohlphrasigen Plapperdialogen denkwütige Monologmassive einschlagen.

Pflegte der viel beachtete "hamlet"-Text allerdings nur vage Assoziationen zur Shakespeare-Folie, hat sich Palmetshofer in seinem neuen Stück daran gemacht, den Faust-Stoff mit direkten Zitaten und Figurenanalogien in die Gegenwart zu transponieren.

Faust goes Reality-TV

Schon Goethes Theaterdirektor wünschte im "Vorspiel auf dem Theater", "der Menge zu behagen" und sie "staunend gaffen" zu machen. Bei Palmetshofer ist diese Ouvertüre ins zeitgemäße Massenmedien-Milieu verlegt und wird zum "Vorspiel im TV" à la "Aktenzeichen XY ... ungelöst". Von diesem Reality-TV-Rahmen aus wird die schauerliche Beziehungstragödie rückblickend in "nachgestellten Szenen" aufgerollt.

Palmetshofer etabliert damit für sein analytisches Drama eine epische Spiel-im-Spiel-Situation. Die beiden Zentralfiguren sind im Text selbst abwesend. Ihre Geschichte ist die Leerstelle, um die die Gespräche der anderen kreisen. Paul und Ines, Fritz und Anne, Robert und Tanja, sie erspielen sich jene, die nicht mehr unter ihnen weilen. Faust und Grete werden ihnen zu exemplarischen Spiel- und Spiegelfiguren.

Wieder lässt Palmetshofer Floskelkaskaden durchrauschen. Sie erscheinen, als seien diese, inklusive aller Verlegenheitsphrasen und Satzabreißer, den Leuten vom Munde weggeschrieben. Doch indem er das Elliptische zum Stilprinzip erhebt und die Stummelsätze tautologisch weiterschraubt, entsteht in den Dialogen eine Kunstplappersprache, die das leere Worthülsenschleudertum von Zweck- und Oberflächenbeziehungen ausstellt. Andererseits erweist sich dieser Kunstgriff gerade in den Monologen als Ausdruck einer Suchbewegung; er führt ein Denken vor, das um einen Gegenstand kreist, den es nicht zu erfassen vermag.

Zu viel postmoderne Scheiße im Hirn

"Freunde von Freunden treffen sich bei Freunden", so banal nimmt das Unglück seinen Lauf. Alle wohnen in einem Haus, "trifft man sich halt hin und wieder abends" zum Grillen, "bring what you eat". Ein Spießeridyll, ein gruseliger "Gemeinschaftskörper", bestehend aus drei Pärchen, in deren Dunstkreis jeder Single als krasser Nonkonformist erscheinen muss. Natürlich trinkt man, ganz distinktionsbewusst, vorzugsweise Wein.

Bloß der Freund vom Paul hat immer ein Six-Pack dabei – und, als heutiger Alternativ-Akademiker, einen Laptop. Für die anderen ist er ein "arroganter Arsch", der "ein bisschen zu viel postmoderne Scheiße im Hirn" hat. Er wiederum hat für die Grill-Fest-Feierer bloß Verachtung übrig. Ihr "serielles Glück", so ein "billig eingekauftes", "vorgetäuschtes gottverdammtes Glück" reicht ihm nicht aus.

Die Seele, ein verkohlter Kerzendocht

Wie Goethes Absolutheits-Sucher hat er das sonnenklare Bewusstsein davon, "dass mehr vom Selben nichts Totales macht". Doch gilt seine Suche, anders als bei Goethe, nicht dem "Kern" der Welt, sondern dem Ego, dem, was den Menschen im Innersten zusammenhält, einer Seele vielleicht. Er "sucht oben nackenstarr ein Fünkchen Licht", jedoch: "bestirnter Himmel schweigt".

Der Himmel ist eine der Palmetshofer'schen Zentralmetaphern. Seine Figuren haben die metaphysische Sehnsucht nicht abgelegt. Im Prolog skizziert er, in deutlichem Bezug auf Goethe, den kollektiven Engelsturz: "wir fallen / stürzen / durch das Nichts", "den Himmel unter unsren Füßen / den hat's uns einfach weggezogen". Fortan zerwühlen sich die gefallenen Engel als Menschen gegenseitig die Leiber, "suchend mit den Händen tief nach drinnen". Doch von einer Seele keine Spur, sie finden bloß "verkohlten Kerzendocht / kalt / kein Licht".

Nach dem Lichte vögeln

Mephistopheles kann in dieser Faust-Paraphrase also fehlen. Weil das Prinzip der Differenz, das er verkörpert, bereits allenthalben verinnerlicht ist. Dabei ist alles auf die Kosten der unablässigen Seelen-Suche abgestellt. Der ironische Titel sagt es bereits: Faust hat Hunger und verschluckt sich – an der, die er sich einverleibt.

Palmethofers Relektüre der Gretchen-Tragödie zielt auf die Geschichte eines Begehrens, das über Leichen geht. Er hat "mit einem Fanatismus vögelnd in mir drinnen nach dem Licht gesucht / kein Totales in mir drin gefunden", so Grete im Nachhinein. Das Glück, das Faust in ihr findet, und "das eine Sozialarbeiterin ist / die Samstagabend ganz allein auf einer Spießerparty tanzt", ist ihm letztlich zu klein. Dabei gäbe es hier, anders als bei den beliebig zusammengesteckten Allerweltspaaren, durchaus Verbindendes. Sie engagiert sich "sozial", er sich "humanitär", gräbt Latrinen irgendwo in Afrika.

Damit sind Faust und Grete typische Palmetshofer-Protagonisten. Schon in seinen früheren Stücken, in "hamlet ist tot", "wohnen. unter glas" oder "helden", rückte er jene Twenty-and-Thirty-Somethings ins Zentrum, die rauswollen aus dem wohlgeordneten, verlogenen Spießerleben und "aus dieser emotionalen, analogen Umlaufbahn um mich selber". Faust und Grete: zwei mephistophelische Geister, die stets verneinen.

Innerlichkeitsverspekulation

Und doch, etwas läuft schief. Während Faust auf eine "innerliche" Liebe pocht, würde Grete, "einer Idee jeden noch so kleinen Funken scheiß Materie vorziehen". Ihr in der "postmodernen Scheiße" stecken gebliebener Lover lümmelt zwar gern bei ihr im Bett, verkrümelt sich aber, sobald sich die körperlich konkrete Konsequenz der Liaison abzeichnet: Gretes Schwangerschaft. So ein Frauenkörper ist eben "für eine ordentliche Idee leider immer ein bisschen zuviel Materie".

Faust hingegen übt sich in ökonomistischen Gedankenspielen. Denn wenn du einem Menschen "auf Pump eine Innerlichkeit hineinunterstellst", willst du aus diesem "hochsubventionierten Menschen" auch eine "Menschen-Wert-Schöpfung", einen "Innerlichkeitsgewinn" erzielen – so die Faust-Logik. Das klingt in seiner Verschraubung der scheinbar entgegengesetzten Sphären Liebe und Ökonomie ein bisschen nach René Pollesch. Ähnlich wie dieser erprobt Palmetshofer, so etwas wie Liebe beziehungsweise Gemeinschaft jenseits ökonomisierter Zusammenhänge, jenseits von Kosten-Nutzen-Rechnung zu denken. Auf die Liebe, nicht auf die Religion, zielt hier auch die bedeutungsvoll offen gelassene Gretchen-Frage: "und frag ihn, wie er's denn so hält mit, er dann drauf, man müsst' sich selber, ja sagt er".

Kollateralschaden Gretchen

Dass Faust Grete bei seinem Streben nach Höherem einfach als Kollateralschaden verbucht, ist für den Autor das eigentliche "Faust"-Skandalon. Palmetshofer, der im Gespräch ganz selbstverständlich "Schauspielerinnen" sagt, wenn er ein männlich-weibliches Ensemble meint, beschert seinem "faust" damit eine ordentliche feministische Wendung. Dass Grete sich nach Affärenschluss im Wald verschanzt, erst das gemeinsame Kind tötet – mit dem doch so etwas wie ein "Kern" entstanden ist – und dann sich selbst, bekommt er aus der Ferne des Krisengebiets, in das er sich zurückgezogen hat, vermutlich gar nicht mehr mit. Er ist quasi schon mal in "Faust II" hinübergerutscht, und gibt als Entwicklungshelfer bei irgendeiner NGO den Landgewinner mit umgekehrten Vorzeichen.

Palmetshofer zeigt Faust als einen feigen Pseudo-Gutmenschen, der vor lauter postmoderner Denke am Wesentlichen vorbeilebt und der global übernommenen Verantwortung im Kleinen kein bisschen gerecht wird. Palmetshofer, der sich in Wien von Germanistik und Theaterwissenschaft zu katholischer Theologie und Philosophie durchstudiert hat und von sich sagt, dass er ein Stück schreibt, wenn er mit Theorie nicht weiterkomme, entpuppt sich hier als einer, der die Frage nach dem "Kern", dem "Funken", nach Subjekt, Seele und Liebe unter postmodernen Vorzeichen zu stellen vermag. Wie lebt, liebt und stirbt es sich im Bewusstsein der Différance? So können Gretchen-Fragen heute klingen.


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