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Die Kontrakte des Kaufmanns – in ihrer Wirtschaftskomödie fährt Elfriede Jelinek den Jargon der Wall Street gegen die Wand

Die Krise per anus rectus

von Stefan Bläske

Von Kalauerseligkeit liest man, von uferlos mäandernden Witzflüssen, Wortgleichklängen, Assoziationsketten, Endlosschleifen und manischem Begriffsumkreisen, von monologartiger Textsuada, Redundanzen und Rezessionsrhetorik, wenn man die vielen Artikel zur Hand nimmt, die zu Elfriede Jelineks Wirtschaftskomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" erschienen sind.

So nah sich die Kritiker in ihrer Wortwahl sind, in ihrer verbalen Aufrüstung, um den "kalauernden Jelinekiaden" und "berüchtigten Wortkaskaden" der Nobelpreisträgerin gerecht zu werden, so sehr differieren ihre Bewertungen. Die einen genießen das "Oratorium, Sprachkonzert, Textmühlengebet" (SZ), schwärmen von den Tiraden und "Sprachgewittern", die anderen sehen oder hören nur "verstiegene Assoziationen", einen "inhaltlich dünnen" "kabarettistischen Amoklauf" (FR), "quasireligiöses Bedeutungsgehuber", zusammengekehrt aus den Abfällen gestrichener Gags von schlechten Kabarettbühnen (WELT), man geißelt die Polemik und Ironie als verharmlosende "Milchmädchenabrechnung", die "Nobelpreisträgerin als Nervensäge, Spottdrossel, Worthülsensuppenkasper" (FAZ).

Bis an die Schmerzgrenze

"Die Kontrakte des Kaufmanns" gehen an die Schmerzgrenze des Erträglichen hinsichtlich Länge, Wiederholungen und Kreisbewegungen, Punkt- und Pausen-, Absatz- und Atemlosigkeit, Sinnverschiebung, Sinnauf- und -entladung. Ohne Scheu und Garantie kippen die Sprachverliebt- und -verspieltheiten ins Banale, auch ins Anale. 15 % Garantie per annum werden zu 15 % "per anus, per anus rectus, anus verrectus".

Elfriede Jelinek nimmt so manchen Rohrkrepierer in Kauf. Mit ihrer Inflation der Worte spiegelt sie die Inflation der Werte, mit inhaltlichem Leerlauf die Leere in den Kassen und Köpfen. Sie spricht viel vom Nichts, von Null und von der Leere, aber sie umkreist sie nur, füllt und erklärt sie nicht. Wie auch. Zwar hat sie rege recherchiert, sich eingelesen in die Geschäftsberichte der – Achtung, Unschuldsvermutung! – damals kriminell-kriselnden österreichischen Meinl-Bank, zwar geht es ihr um Bankensystem und Wirtschaftskrise, um Groß(ver)treter von Kleinaktionären. Aber ihr Kaufmanns-Roulette dreht sich nicht um Zahlen-, sondern um Wortspiele, die längst keine Spiele mehr sind, sondern Zynismus, blanker Ernst und bare Münze.

Anlegen, anlügen, aufhübschen

"Minuswachstum", "Gewinnwarnung", "Negativmitnahme", "Verluste erwirtschaften": Selbst das Defizit wird im realexistierenden Wirtschaftssprech noch euphemistisch schöngefärbt und positiv verkauft. An den Finanzmärkten, und besonders "auf der Hauptversammlung, HV genannt, besser als HIV, positiver", kalauert Jelinek. Die höhere Kunst des Wirtschaftens besteht nicht im Produzieren von Waren und Werten, sondern im Anlegen von Geld und Anlügen von Menschen, im Aufhübschen von Bilanzen, im Untertreiben des Versagens und Übertreiben des Versprechens.

Angesichts dieser Kombination aus Geldgewalt und Sprachvergewaltigung erscheint es nur konsequent, wie Sprachakrobatin Elfriede Jelinek den bösen Börsen-Sprech ins "negative Nichts" überhöht, wie sie die Sprache gleichsam enteignet, in Inflation und Unflätigkeit drängt. Indem sie Wortwitze bis zum Exzess treibt, sich nicht vor schlichten Anaphern und schlechten Anal-Metaphern scheut, fährt sie den Jargon der Wall-Street gegen die Wand. Wir bleiben ratlos zurück, erschaudern vor – ja, vor was eigentlich? Der Ohnmacht oder der Allmacht des Marktes, der Allmacht oder der Ohnmacht der Sprache?

Wortwurstwirtschaftskomödie als Zitatenschatzkästchen

Elfriede Jelinek erzählt uns inhaltlich nichts, was wir nicht schon wüssten. Sie druckt keine neuen Blüten, sondern zerpflückt das blütenrein Scheinende bis zum Schein-Ende. Sie beißt zu mit Gewissheitsbissen und käut die Sprache so lange wieder, bis sie uns zugleich vertraut und fremd erscheint, völlig logisch und willkürlich, spielerisch und zerstörerisch zugleich. Schwindelnd spüren wir die Différance.

Aber nicht nur dekonstruktivistische Philosophien und Wittgenstein'sche Sprachspiele klingen an, nicht nur der Wall-Street-Sprech wird verwerkelt in dieser Wortwurstwirtschaftskomödie. Ganze Traditionslinien europäischer Kultur tauchen auf: Die Klagegesänge geprellter Kleinanleger erschallen im hohen Tragödienton, Herkules und Alraune geistern durch den Text, Engel, mein Gott Jesus und so manches Bibelzitat. Motive von Euripides und aus Heinrich von Kleists "Hermannsschlacht" werden aufgegriffen, Peter Handkes Mündel ist dabei und möchte Vormund sein, vorlaut wird die Finanzjongleurs- zur Publikumsbeschimpfung, und im Stücktitel schimmern Peter Greenaways "Kontrakte des Zeichners" durch. Wie immer bei Elfriede Jelinek ist auch dieser Text ein Intertext und Palimpsest, Fundbürogrube und Zitatenschatzkästchen.

Nicolas Stemann, der die Urlesung in Wien und die Uraufführung in Köln/Hamburg inszeniert hat, weist – in einem Online-Chat, der im JELINEK[JAHR]BUCH 2010 abgedruckt ist – mit Recht darauf hin, wie wenig interessant es für ihn sei, dergleichen Bezüge "zu dekodieren, sie also dem Textstrom zu entreißen und wieder ins Regal einzuordnen". Viel fruchtbarer seien diese Zitate, wenn sie im Theater auf kreative Art missverstanden würden.

Möglichst laut schreien

Was lässt sich auf der Bühne nun mit dieser Sprachvermessung anfangen, mit diesen knapp hundertseitigen Textkonvolut, dessen ungekürzte Urlesung viereinhalb Stunden dauerte, und das danach von der Autorin noch durch eine "Schlechte Nachrede" ergänzt wurde? Auch diesmal überantwortet Elfriede Jelinek ihren Text den Theatermachern. "Der Text kann an jeder beliebigen Stelle anfangen und aufhören. Es ist egal, wie man ihn realisiert." Ihre eigene, dem Stück vorangestellte Phantasie ist, "daß drei oder vier Männer ihn möglichst laut schreien".

Die Männer hätten, so wie's geschrieben steht, zunächst einen "Prolog" (4 Seiten), und dann "Das Eigentliche" herauszuschreien. 'Eigentlich' sprechen ein "Chor der Greise" (45 Seiten lang), danach treten auf ein "wandernder Stein" und "mehrere Engel der Gerechtigkeit", die monologisierend einander ins Wort fallen. Einer jener "Engel der Gerechtigkeit, ich weiß jetzt aber nicht mehr, welcher" spricht weitere sieben Seiten, und der letzte Monolog (14 Seiten) wird wie folgt zugeeignet: "Noch mehr Engel, die bislang nicht aufgetreten sind, oder es tritt jemand ganz anderer auf, mir doch egal".

Grundlegendes zum kapitalen Raubtierismus

Die Engel sind austauschbar, die Menschen Masse, keine Individuen. Wenn am Ende von einem Mann die Rede ist, der sich und seine Familie mit der Axt umbringt, weil tot sein für ihn besser ist als pleite, leblos besser als mittellos, dann wird selbst das im Plural erzählt, in Wir-Form, in Sippenhaft. Es geht nicht ums tragische, singuläre Schicksal, nicht um den Einzelfall, sondern ums große Ganze. Zwar waren konkrete, lokale Ereignisse Auslöser, zwei Wiener Finanzskandale um die Gewerkschaftsbank BAWAG und die Meinl-Bank. Aber das im Sommer 2008, also noch vor der großen herbstlichen Finanzkrise geschriebene Stück zielt derart grundlegend und hellsichtig aufs System, dass Krise und absolutes Nichts eben nicht als Ausnahmephänomen, sondern als wesenhaft für einen kapitalen Raubtierismus beschrieben werden, in dem Kleinanlegervieh zwar Mist ist, aber eben auch "Mist macht".

Hans-im-Geld-guck-in-die-Luft weiß zwar um die zyklische Struktur des kapitalistischen Systems, aber er (ver)rechnet doch immer nur mit Wachstum, Boom und Expansion, hofft sich hochkonjunkturell in die Depression hinein: Gebenedeit sei die Frucht deines Geldes, solange bis die Blase platzt, die Fruchtblase, Geldblase, Sprechblase, Spekulationsblase, Speckblase. Der Speck muss weg, das Geld muss raus. Schluss. Aus. Verarmen.

Tröstlich ist eigentlich nur, dass Elfriede Jelineks durchaus depressiver Text derzeit im Theater Hochkonjunktur hat, und dass es der Autorin auf wundersame Weise gelingt, die roten Zahlen für uns so schön schwarzzumalen.

 

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