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Publikumsgespräch zu Elfriede Jelineks "Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie"

In die Köpfe gebohrt

von Natalie Bloch

18. Mai 2010. Von einem Publikumsgespräch kann an diesem Abend kaum die Rede sein. Möglicherweise liegt es an den vier Stunden intensiver musikalischer Textbeschwörung, die das Publikum noch ein wenig in sprachloser Trance verharren lässt, vielleicht liegt es aber auch an dem höchst eloquenten Allroundregisseur Nicolas Stemann (der kurz zuvor auf der Bühne bereits seine musikalischen und performativen Seiten gezeigt hat), dass man lieber lauscht, als selber fragt.

Stemann, zum vierten Mal mit einer Jelinek-Inszenierung bei den Mülheimer Theatertagen vertreten, wird von Gerhard Jörder auch prompt als "Pianist, Conferencier und Sänger" begrüßt und gefragt, was ihn dazu bewogen habe, diesmal in Multifunktion selbst auf die Bühne zu treten. Improvisierte, musikalische Texte habe er schon früher in kleinerem Rahmen am Wiener Burgtheater präsentiert, berichtet Stemann, nun habe sich das in ein längeres Format übertragen.

Fester Text, fluide Form

Dass dies nicht nur unkompliziert gewesen ist, lässt die Ergänzung des Schauspielers Sebastian Rudolph erahnen. Gegen Ende der Proben habe es den Wunsch gegeben, die Präsenz des Regisseurs auf der Bühne zu beenden, gesteht er,  "es war eine schwere Situation für uns, eine Hauptprobe – und keine Regie saß da unten. Doch dann haben wir gesagt: 'Bleib hier oben. Wir machen das zusammen'". Ob Benjamin von Bomberg, der singende Dramaturg" (Jörder), konsequenterweise auch nicht alleine unten sitzen wollte, lässt sich nur vermuten.

Auf dem Podium ist jedenfalls der Einstieg in die zentralen Themen des Gesprächs gemacht: Die Besonderheiten dieser Inszenierung und ihr spezifischer Umgang mit dem Text. Stemann erläutert, dass man generell bei Jelineks Texten zur Freiheit verurteilt sei, dazu verurteilt, eine Form für sie zu finden. In dieser Inszenierung habe man den Text relativ komplett belassen. Das "Urstück" der Kontrakte, den fast siebzig Seiten langen "Chor der Greise", habe er dem Publikum deshalb nicht häppchenweise gekürzt serviert, weil "das Thema so etwas rituelles, mantraartiges braucht. Es soll sich wie ein Bohrer immer tiefer in die Köpfe bohren".

Eine fast texttreue Inszenierung bei Jelinek, steht das der Strategie der Jelinek'schen Texte nicht entgegen? Jörder hakt nach: Jelinek wolle doch, dass die Regie hineinfuhrwerke, wie fluide sei der Text eigentlich? Der Text wachse an (neue, unerforschte Teile für das Theatertreffen existierten bereits), stehe aber für die Aufführung fest, erklärt von Blomberg. Nicht festgelegt sei, von wem die einzelnen Passagen gesprochen würden. Und Patrycia Ziolkowska ergänzt, dass die Textteile unter den Schauspielern zirkulieren würden.

Eine Form der Deprogrammierung

Jörders Versuch, das anregend fluide Podiumsgespräch ins Publikum zu verlängern, gelingt allerdings nicht. Ein Zuschauer meldet sich dann doch noch zu Wort mit großem Lob ("Jelinek ist immer preisverdächtig") und einem ganzen Fragenbündel an den Regisseur. Unter anderem möchte er wissen, ob es sich nicht anböte, das Stück außerhalb des Theaters aufzuführen, auch um die fehlende Wut in der Öffentlichkeit zu aktivieren. Er scheint damit genau Stemanns Absichten erahnt zu haben. "Ich plane so etwas", gibt dieser zu. Doch hat er andere Beweggründe.

Der Abend sei im Moment sehr dicht, ihm sei daran gelegen, wieder den Zustand zu erreichen, in dem man nicht wisse, was man tue – es gehe ihm um das Unfertige, Rotzige, Improvisierte. Und schon mäandert das Gespräch zu den verschiedenen Wirkungsweisen des Textes. Jörder gibt an, zwar nichts erfahren zu haben, was er nicht schon wüsste, aber er selten habe Theater so auf ihn gewirkt. Der Text habe etwas Einlullendes, und Stemann bestätigt: "Wir sind diesem Sprechen ausgeliefert". Zugleich habe der Abend eine bewusstseinsbildende Wirkung, "wie eine Form der Deprogrammierung, die einen aus einer Sekte herausschweißt". Schauspieler Lommatzsch ergänzt: "Es löst etwas aus, das über Theater hinausgeht."

Kurz vor 24:00 Uhr beendet Jörder das Gespräch, es sei spät, die Schauspieler seien hungrig. Möglicherweise hätte sich die zwar recht stumme, aber bemerkenswert konzentrierte Hörerschaft noch endlos im Jelinek'schen Fahrwasser durch die Nacht gleiten lassen.


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