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Der Wettbewerb um den ersten Mülheimer KinderStückePreis – Jurydebatte und Rückblick

Form geht vor

von Christian Rakow

23. Mai 2010. Es war eine Geburtsstunde der stilleren Art, diese Preisvergabe des ersten KinderStücke-Wettbewerbs im Rahmen der Mülheimer Theatertage. In kleiner Runde lief die Jurydiskussion öffentlich ab – wie bereits beim großen Bruder, dem Mülheimer Dramatikerpreis, seit seiner Einführung 1976 üblich. Fachpublikum war nicht eigens angereist, was sich bereits während dieser Gastspielwoche abzeichnete. Die Marke KinderStückePreis ist erst dabei, sich zu etablieren. Umso interessanter ist es, ihre Verortung und Profilierung live mitzuerleben.

Überaus namhaft und spartenübergreifend war die erste Preisjury zusammengesetzt: mit dem Dramatiker Oliver Bukowski (selbst schon Träger des Dramatikerpreises und mehrfach Juror in Mülheim), dem Kritiker und Theatertreffen-Juror Stefan Keim sowie der Lektorin und ehemaligen Chefredakteurin des Fachmagazins "Theater der Zeit" Nina Peters als Vertreterin des Auswahlgremiums. Und diese Jury versäumte es auch nicht, die Fragen nach der Kinderdramatik (Zielgruppe von 5 bis 12 Jahre) generell anzupacken.

Budenzauber auf Nummer sicher

Die Zahl an "guten Autoren" in der Dramatik für die Jüngsten sei "überschaubar", resümiert Nina Peters ihr Jahr im Auswahlgremium, "ästhetisch eigenständige Entwürfe" stellten die Ausnahme dar. Es dominierten Märchen- und Mythen-, Film- und Buchadaptionen. Tendenziell gingen Theater in der Kindersparte "auf Nummer sicher", spitzt Bukowski diesen Befund zu: Man nehme das "Gerüst von einem großen rechtsfreien Toten" (sprich: tantiemenfreien Klassiker) und realisiere ihn mit opulentem Bühnenbild und viel theatralem "Budenzauber".

Mit dem angestrebten Fokus auf Originalwerken für Kinder befindet sich der Mülheimer KinderStücke-Wettbewerb in einer Nische. Positiv gewendet: Er mag als Impulsgeber für Entwicklungen neuen Schreibens auch in diesem Sektor gelten. Dass mit Alice: Im Wunderland! von Katrin Lange, Nathans Kinder von Ulrich Hub und Undine, die kleine Meerjungfrau von Franziska Steiof drei aufwendige Klassikerbearbeitungen unter den Nominierten vertreten waren, reflektiert einstweilen den Stand der Dinge.

Für einen weiten Stückbegriff

Notwendig für die Profilierung des Preises dürfte eine weite Fassung des Stückbegriffs sein. Herausragende Arbeiten im Kinder- und Jugendtheaterbereich seien oft weniger "sprachfixiert", weniger "vom Text her gedacht", führte Stefan Keim mit Blick auf das NRW-Kinder-und-Jugendfestival "Westwärts" und in Weiterführung der Podiumsdiskussion vom Vortag aus. Das KuJ-Theater bewege sich auf "hohem Level" in Richtung performativer, situativer, im kollektiven Probenprozess erarbeiteter Stoffe und Texte.

Mit dem in Mülheim auch im Haupt-Wettbewerb gern eingebrachten Kriterium der Nachspielbarkeit deckt man diese Formen der Textentwicklung nicht ab. Die klassische Einbahnstraße der Dramatik (vom autonomen Text zu vielfältigen Bühnenrealisierungen) bedarf hier der Öffnung für den Gegenverkehr: Neben Texte, die am Schreibtisch ersonnen sind, sollten dann vermehrt Texte treten, die einer spezifischen theatralen Situationen entstammten und ihr verpflichtet bleiben, die aber – darin liegt der entscheidende Punkt – als Text eben auch über das Theaterereignis hinaus lesbar sind. Welche Texte bringt die Bühnenwelt hervor? Diese Frage zielt auf einen umfassenden Begriff von Literarizität im Theater, auf einen an neue Tendenzen angepassten Stückbegriff.

Lose episodisch oder gradlinig glatt?

Die KinderStücke rufen hier neuerlich Überlegungen auf, die zuletzt 2007 anlässlich der Dramatikerpreisvergabe an Rimini Protokoll debattiert wurden. Sie dürften die nächsten Jahre mitprägen. Im diesjährigen KinderStücke-Wettbewerb vertrat Der kleine Riese Stanislas von Kathrin Leuenberger/Sibylle Heiniger eine solche situative Textform, die eng an die Aufführung im Figurentheater Lupine angebunden bleibt. Ihre lose episodische, ja untermotivierte Handlungsdramaturgie konnte sich nicht, wie Nina Peters vorschlug, als eigenständige Qualität eines Theatertextes für die Allerjüngsten (+ 5 Jahre) behaupten.

Die Schlussrunde der Jurydiskussion geriet zum Wettstreit zwischen zwei Klassikerbearbeitungen und dem zeitgenössischen Problemstück Am Horizont von Petra Wüllenweber, dessen Entwicklung des Themas Alzheimer der Jury letztlich zu "glatt" (Keim), zu geradlinig auf das "Werden eines Leistungsträgers" (Bukowski) ausgerichtet war. Die Klassiker obsiegten, und darin lag die interessanteste Wendung dieses Vormittags. In der Zuspitzung auf den Zweikampf zwischen Ulrich Hubs "Nathans Kinder" und Franziska Steiofs "Undine, die kleine Meerjungfrau" lag eine Entscheidung für sprachliche Qualitäten, für die geschickte "Mehrfachadressierung" der bekannten Fabeln (Bukowski) auch an Zuschauer oberhalb der kindlichen Zielgruppe. Poetische Formgebung siegt in diesem Jahr über genuinen Erfindungsreichtum.

Ein 2:1 für lakonischen Witz

Mit 2:1 Stimmen entschied sich die Jury für Hubs Lessingerneuerung Nathans Kinder. Eine Entscheidung, mit der auch Stefan Keim, der für Steiofs "Undine, die kleine Meerjungfrau" gestimmt hatte, erklärtermaßen "gut leben" kann. Mit "Nathans Kinder" werde ein elegant "durchkomponierter Text" ausgezeichnet, ein Text von "herausragender sprachlicher Qualität", der seine "Neudeutung des Lessing'schen Stoffes" ohne "'Zeitgeisteleien' und mit lakonischem Witz" realisiere, so die offizielle Begründung der Jury.

In Hub erhält ein Dramatiker den Preis, der mit An der Arche um Acht einen der großen Nachspielerfolge für das zeitgenössische Kinderdrama geschaffen hat (zu Gast in Mülheim 2008). Seine am Theater Junge Generation Dresden von ihm selbst besorgte Uraufführung von "Nathans Kinder" konnte aufgrund des Todes des Schauspielers Christian Habicht (1952-2010), der die Rolle des Bischoffs spielte, dieses Jahr nicht in Mülheim gastieren. Die Ur-Inszenierung ist abgesetzt worden. Der Mülheimer Festivalleiter Udo Balzer, der die Jurydiskussion leitete, kündigte an, dass die Theatertage sich für ein Nachspiel stark machen werden, das im kommenden Jahr in Mülheim präsentiert werden kann.

 

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