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Nis-Momme Stockmann über die Aporien der Kritik und eine Dramaturgie der Zukunft (entstanden als Antwort auf die zweite der Sieben Fragen)

Eine Gesellschaft auf dem Bewertungsmacht-Highway


Frage: In Mülheim debütieren Sie mit "Kein Schiff wird kommen" und nicht mit ihrem mehrfach preisgekrönten Erstling "Der Mann der die Welt aß". Inwiefern ist Ihr jüngstes Stück die bessere Einladung?

! >> xy krex Todesspinne

(Besser – schlechter. Besser – schlechter. Als wäre das ein adäquates Bewertungsmodell für ein Theaterstück. Das ist vielleicht schon mal der grundsätzlichste Fehler an der Bewertungskultur, die mit aller zur Verfügung stehenden Kraft zur verdorrenden Semantik des rücksichtslos zentrovertierten Kapitalmarkts hinkonvergiert.

"Bewertungskompetenz" wird marktwirtschaftlich gehortet und in "Bewertungkompetenzsclustern" arrangiert. Kritiker verwalten die Cluster, oder Menschen mit einer Reihe von Diplomen. Sie hocken auf einem gewaltigen Berg von schnell in die Welt hinausführenden Bewertungsmacht-Highways.

Das Bewertungskompetenzgold

"Hier – betrachten sie meinen beachtlichen Berg von Bewertungskompetenzgold" – Kulturbewertung wie Finanzmanagement, dumm, oberflächlich, kurzweilig, tiefenerkenntnisdesinteressiert, sich pathetisch ins Zynische und Kalte professionalisierend, auf hohem intellektuellem Niveau retardiert und vor allen Dingen: Ohne Liebe (die es braucht um sich mit dem Schönen in Dingen und Phänomenen zu verknüpfen).

Menschen ohne Liebe, Neugier und Lust, die einem Haufen von Menschen mit Liebe, Neugier und Lust etwas über das Theater und seine Welt erzählen.

Wer etwas von diesen Bewertern wann gut findet, spielt vielleicht für die Vermarktungspotenz eines Stücks eine Rolle, niemals aber für seine Qualität (Ein Irrtum, der aus der kapitalmarktlichen Gleichsetzung von Vermarktbarkeit und Qualität entspringt – unsere Welt in einer Nussschale).

Das beste Stück der Welt "Woyzeck" ist in seinen Bewertungsclustern fast untergegangen. Faust, eine gigantomanische Verschlechterung seines Ursprungstextes – des Urfaust – hingegen ist durch seine klotzhohlen, politisch und diskursiv reaktionären Bewertungscluster forciert worden.

Qualität bedeutet Wahrnehmungsarbeit.
Qualität lässt sich nicht in einem Signifikanten herausstellen.
Qualität ist niemals plakativ.
Und ist nicht dividierbar in gut/schlecht, gelungen/misslungen, besser/schlechter.
Qualität erfordert intensive rezeptive Eigenarbeit.
Für das Herausstellen von Qualität gibt es in der deutschen Bewertungskultur weder Raum noch Boden.

Wider die finale Sprache

"Der Mann" ist genau so dumm oder klug wie "Das Schiff" und der ganze Rest. Es wird immer nur brauchbar bei demjenigen, der Rezeptionsarbeit dazu zu leisten bereit ist (und das ist doch stark abhängig vom zeitlichen und politischen Kontext, vom Rezipienten und von tausend anderen Faktoren).

Stücke, die eine breite Rezeption evozieren, sind Stücke mit einer reichen Farbe, einer reichen Sprache (und das ist nicht die vielfach geforderte "große Sprache" – eine ästhetisierte Sprache –, sondern eine, die auch sprachlos und sprachfremd sein kann) und vor allen Dingen: Einer nicht "finalen Sprache".
Diese Stücke sind das "Viele" und sprechen eine Sprache des "Vielen", sie sind frei von einem eindeutigen Signifikanten (nach dem die gesamte Bewertungskultur in ihrer Verirrung fischt).

Für die Mehrstimmigkeit, die Polysemantik, die multiple diskursive Signifikanz – gibt es kein beispielhafteres Medium als das Theater (und keins, in dem es in seiner jüngsten Auslegung stringenter umgangen wird).

Theater (Medien im allgemeinen)  – und das wird in ihrer marktwirtschaftlichen Pervertierung oft vergessen –  ist vor allem Dingen der Versuch einer Verkettung: Zwischen Autor und Leser. Zwischen Phänomenen und Dingen, zwischen Meinungen und vor allem: Der Liebe für das eine oder das andere (oftmals in diesem Betrieb ein kalter Zugehörigkeitsschwur zum Zynismus oder zum fein Hinsortierten, zum simpel vor einem Daliegenden – in etwa wie so ein scheiß gebügeltes Hemd).

Der Sturm der Signifikanten

"Das Viele" ist ein Sturm der Signifikanten (und eine Gefahr für die Prognostizierbarkeit, für die Kategorisierbarkeit, für das Diktum der Homogenität, für unsere Art, wie sich Erkenntnis konstituiert im allgemeinen).
Es spricht so, wie Musik spricht (die native).
So, wie der Gedanke auch spricht: in keine verständliche Dramaturgie korsettiert, sondern entfesselt und seiner Anlage entsprechend – diskursiv kreisend, uneindeutig, die Antworten beim Rezipienten lassend (wo sie hingehört).

So wie Kafka spricht.
So wie Lynch spricht. 
So wie  "Hitlerine" von Anne Tismer spricht.

Nicht durch Kategorien der Sprache und schon gar nicht durch solche der Theaterkritik bewertbar!

Und warum ist das so ein Zähneausbeißer für die Theaterkritik?

Weil es gefährlich ist für die lexikalische Kategorie. Weil es nicht sortierbar, nicht kategorisierbar ist.

Weil es nicht einfach, weil es nicht "eins" ist, nicht gelungen oder misslungen, sondern weil es "vieles" ist, weil es polysemantisch ist. Kurz; weil es eine Gefahr darstellt für die Prognostizierbarkeit, für die marktwirtschaftlichen Kausalitäten und für ihre Ontologie, die uns antreibt.

Im Peak der merkantilen Kultur muss selbst das Heiligste – der Signifikant, die Prämisse - differenzierbar und bezeichenbar, vermarktbar sein ("Das Fritzlstück", "Das Hegemannstück", "Das Stück zur Wende", "Das Stück zur Krise" – am schlimmsten: "Das Stück der Stunde" (hä? – der Stunde?).

Deleuze sagt ganz treffend: Eine Kultur, die in ihren Medien immer nach einem Interpretanten bohrt, hat selbst keine Kraft um sich gute Antworten einfallen zu lassen.

Die Gefälligkeit am Markt

Nichts ist in unserer ausdifferenzierten Welt (in der es keine größere ästhetische Begierde gibt, als die Differenzierbarkeit der Dinge und ihrer Lexikalität) schmerzhafter als die befriedeten Pfade der Kognition zu verlassen. Weil das heißt die Macht und die Kontrolle abzugeben.
Anders zu sehen, zu hören und zu erkennen, heißt immer auch zu einem Teil sich selbst in der Welt aufgeben.
Wenn man sich von Halt, Identität, von Besitz, von Dramaturgie, Stringenz, Normativität ganz und gar seine Überraschungen ruinieren lassen möchte – dann auf in die Bewertung von Kunst und ihrer Lektüre.
Eine Kulturnische, deren einziger, winziger Verdienst es ist, aktiv die Häresie im Denken und in der Kunst zu blockieren.
Denn die Maßstäbe werden da mitgestaltet (mit dem Markt im Nacken, dem Literaturbetrieb, der ruinösen Talfahrt der Printmedien, dem Zwang, der Not, der Hierarchie, der Angst, aber auch dem Stolz, dem Kampf, den man im Mark hatte, der Diskurse, die man verachtet, die einem aber erfolgreich aufgezwängt wurden – im Kochberuf hasst man solange die Menschen, die einen antreiben, bis man selbst einer von ihnen sein darf – das ist der stille Orden des Durchhaltens, für den man sich in seltener Stunde schämt: Es ist alles anders geworden – wo ist die Liebe?).

Eine Tatsache, die niemandem, niemandem, niemandem gefällt: Die Kritiker gestalten es sehr potent mit das Theater! (im Dramaturgen, der sie mitdenkt, im Intendanten, der sie mitdenkt, im Regisseur, im Autor, der sie mitdenkt, mitdenken muss).
Und wir sprechen die Sprache eines Marktes, dessen Bedingungen wir dumm und repressiv und anachronistisch finden.

So liegen sie die modernen Künste. Hinarrangiert in Gefälligkeit zum Markt.

Ein Heer von Professionszombies

So will ich nicht Theater, Wirklichkeit vor mir ausbreiten!
Diesem Markt fehlt immer die Zeit, das Geld, die Feinmotorik und vor allem die Liebe um sich zur Schönheit in den Dingen vorzukämpfen. Und das braucht Schönheit oft: Einen entschiedenen Kampf.

Schönheit ist die Gleichheit, die man zwischen sich und dem Betrachteten herausstellt.

Ist man selbst roh, verdorben – idealisiert man ein zynisches, ein zerreißendes, ein vernichtendes Kritikerbild – will man eine reproduzierbare Chiffre für das Medium Theater – dann sind auch die Verknüpfungen in die Welt hinaus und zur Kunst hin verdorben.

Eine Kritikerkultur, die Theatergängern die Polemik, den Schimpf und den Zynismus als theaterrezeptive Haltung nahelegt, sie hochstilisiert zu den peinlichen Konnotationen des französischen 60er-Jahre Theaterkritikers mit Hornbrille und Wutfresse, der jeder in seiner stillen Kammer dann sein darf (wobei er doch so gerne empfinden, tief empfinden möchte).

Man wirft da mit aller Kraft seine Liebe rein, in einen Haufen von Menschen, die in ihrer marktwirtschaftlichen Sozialisierung nicht in der Lage sind schamlos zu äußern, wenn sie etwas berührt. In einen Haufen stumpfer, zur ehrlichen Introspektion und zur emotionalen Permutation unfähiger Menschen. Einem Heer von Professionszombies, die unserer Liebe, unserem Zorn, unserem Hass, unserer Subjektivität, unseren Weltzusammenhängen mit pathologischer Kälte begegnen und das adäquat und erstrebenswert finden.

Und tatsächlich: Das, was ich mir davon als allerletztes erhoffe, ist doch das kalte Geld! So wird es aber immer gehalten:
"Sie werden doch dafür bezahlt, also halten sie auch die Häme aus, die das System der Hierarchien gerne über alle ergießt, über die es sie ergießen kann". Und man ist naiv, wenn man äußert, dass es nicht das ist, worum es einem vornehmlich geht: bezahlt zu werden. 
Man hat gar keine andere Wahl als aus einer Warte betrachtet zu werden, aus einer Warte zu betrachten, in der es einem in erster Linie darum gehen muss bezahlt zu werden und in dem alle auf diese Art und Weise verfahren.

Die Seuche der Klassifizierung

Unsere Kultur hat sich in ihrem per Anlage eigentlich fremden Geschäftigkeitsdiktat dazu verdammt, das Theater in das Korsett der ideologischen Finalität zu sperren. Ein Ideenzwang, der sich immer wieder redundiert! Der immer wieder schon fertig ist, noch bevor es ihn als Text gab, noch bevor es ihn als Diskussion, als Probe, als Text im Spielzeitheft gab. Ein Feuer, das von Pyrotechnikern mit Handschuhen und Sicherheitsbrillen gezielt abgebrannt wird – kalt, modern und teuer.

Und nie mal eine Spur von Magie, Miss- oder Nichtverstandenem. Nie Polysemantik. Nie darf Theater wie Musik sein. Und nie Zeit für Liebe zwischen den Worten.

Für immer in der twilight zone des Gefallens und Verstehens. Gelungen, misslungen. Gut, schlecht. Besser, schlechter. Und immer wieder fällt: "Schade":
"Schade", dass ich es nicht schaffe diesen Abend zu lieben, "schade", dass ich es nicht schaffe mich zu überschneiden - das ist das eigentliche "schade" und es wird zu: Schade, dass der Autor nicht die richtige Antwort erarbeitet hat, schade, dass der Regisseur nicht das Richtige inszeniert. Richtig – falsch. 3 plus, 4 minus, 2 plus. 5 minus - Klassenziel nicht erreicht.
Eine riiieeeesige Klassenarbeit.
"Richtig und falsch" – das ist das Produkt der Disziplinierungen; der Anachronismus einer klassifizierungsdurchseuchten Gesellschaft.

"Ich hoffe, dass ich die Entseuchung der Künste noch miterlebe"

Der persönliche Mangel des Zynikers wird zum Mangel im Stoff. Und die armen Klassiker, sie müssen immer herhalten, sie müssen immer wieder runter in den Staub und selbst noch mit dem dümmsten Zyniker ein Team bilden. Sie können sich nicht wehren.

Dass sie vielmals viel zu lebendig sind für die toten Zyniker, fällt niemandem auf.

Das sind keine Kategorien, die fürs Theater taugen: besser, schlechter!

Sortieren, sortieren, sortieren – kategorisieren, kategorisieren, kategorisieren.
Ich hoffe, dass ich die Entseuchung der Künste noch miterlebe. Da würd ich sicherlich lächeln - wenn der Weltekel dieser Menschen plötzlich "totally last year" ist.

Wenn der anachronistische Duktus des Rücksichtslosen, des Zerstörerischen (der ganz klar dem Kapitalismus entspringt) abzieht aus dem Ressort derer, die glücklich vor sich hin rezipieren oder eben Kunst (oder weit Unprätentiöseres) machen.

Mein Verleger sagt immer ganz treffend: Es gibt die Kinder, die sich bemühen und in aller Ruhe einen Turm aufbauen, und dann gibt es die Kinder (meistens etwas dicke, mit Nutella im Mundwinkel) die haben größeres Vergnügen daran, diesen Turm kaputt zu stampfen.

Oftmals sind das die Kinder, die auch so ein bisschen neidisch sind auf den tollen, hohen Turm, den sie mit ihrer grobschlächtigen Motorik einfach nicht hinbekommen.

Es ist im Wesentlichen viel einfacher etwas scheiße zu finden, als es in sein Herz zu lassen. Zweites macht einen selbst zum Künstler und Akteur.

Niemals würde ich wagen, alle und jeden in einen Tüte zu stecken (auch wenn das in dieser Polemik sicher den Eindruck macht). Aber sich (und das ist oft eine sich im hilflosen Stilwillen erschöpfende hohle Soße von sprachlicher Inkompetenz) zu Zerstörern hochzustilisieren ist Teil der ästhetischen Begierde der "Bewertenden Künste".

Teil haben, mitbestimmen, etwas "sein".

Die Bewertungskaste gefällt sich in ihrem Zynismus

Zynismus entsteht aus der Traurigkeit und der Resignation darüber sich mit nichts verbinden zu können. Es ist neurotisch, hochgradig pathologisch, sich Dinge anzusehen um sie im Verlauf hassen lernen zu können.
Und die Bewerterkaste gefällt sich in ihrem Zynismus. "Aber es ist nicht schön!" will man ihnen zurufen. Das ist ein bisschen wie wenn ein guter Freund mit einem neuen Teil um die Ecke kommt und es ist bereits gekauft, Leben wurde bereits darauf investiert, es sieht aber einfach scheiße aus, es steht ihm nicht.
Der Freund ereifert sich im Glauben ihn würde das zu einer Person seiner Wahl komplettieren. Es ist aber einfach ein Fremdkörper an seinem Körper. Es ist ein Modeteil, das sich als Individualaccessoire behauptet. In Wirklichkeit ist es abgekuckt bei jemandem, den man bewundert und der ist, wie man gerne sein möchte. Ein brodelnder Zyniker, ein Ästhet, ein Künstler (vielleicht gar ein Autor). Ein Mensch mit Meinung, klarem Verstand.

Aber nicht nur die Bewertungskultur nötigt das Theater in eine bestimmte Funktion, auch das Theater evoziert diese furchtbare Bewertungskultur.

Der Zynismus macht die Liebe kaputt. Die kaputte Liebe nährt den Zynismus.

Theaterliebe, das ist jetzt Instantliebe. Theaterwahn, das ist jetzt Instantwahn. Ein Abbild der Liebe, ein Abbild des Wahns, wie sie/er in der Gesellschaft stilisiert wird: Flach und schal und glatt und eindeutig.

Die Liebe und der Hass, sie sind aus dem Theater verschwunden. "Sie gehört hier nicht hin. Liebe ist dumm und platt. Wir arbeiten. Wir sind Profis. Wir brauchen keine Liebe", raunt es in den Kantinen.

"In dieser Dramaturgie will ich schreiben"

Liebe erzeugt sich in platten Affekten.
Theaterliebe, das hat mit der wirklichen Liebe nichts mehr zu tun. Und das spürt jeder.

Es ist alles so kalt – mir ist kalt. Brrr.

Was kann man tun?

Wie wäre es mit einer neuen Dramaturgie. Ohne Anfang, ohne Ende – nur eine Mitte – die die Kritiker (die professionellen wie die infizierten) in ihrem Duktus negiert (an dem sie doch auch leiden) und in die Meditation zwingt. Eine Meditation, für die es keine Zeit, keinen Raum, kein (pfui) Geld gibt und keine Art zu lieben. Zumindest keine eindeutige.

In dieser Dramaturgie will ich schreiben.

Theater wie es sein soll, eine Kunst, ein Medium – einfach ein Affekt, Leben, Brand, Versuch, Zwang, Neurose (und die Begegnung mit ihr), Verzweiflung, Dummheit, Irren, Widerspruch – Liebe Liebe Liebe – diffus und dumm – überwältigend, herabwerfend, katastrophal!
Denn das ist menschlich.

Gegen diese dumme Kultur des Verstehens, Verortens, Nutzbarmachens, Wirtschaftlichmachens.

Traut euch wieder wahrzunehmen, traut euch nicht zu begreifen, ratlos zu sein – traut euch das Heiligste, euch selbst umzustoßen! Und stoßt alles um, einfach alles!

Und ganz unmissverständlich und herausgerufen: Ich liebe, liebe, liebe es unsere Kulturindustrie und ihren kapitalistischen Impact zu hassen. Ich liebe es von ganzem Herzen. Ich feiere eure Feste nicht – ich teil nicht euren Rausch.

Lieber mache ich etwas, das ich aus ganzem Herzen schön und richtig finde.
Etwas, das ich liebe.

Etwas, das zur Kategorie "besser/schlechter" hinlächelt.)

 

Zurück zu den Sieben Fragen an Nis-Momme Stockmann

 

Kommentare (10)

12. Mai 2010, 10:05
Tier: Glaube
Das könnte ein Revolutionärer Gedanke sein: Liebe!
Wahrscheinlich fehlt sie im Theater, weil die Schicht
der Leute die in Großstädten in das Theater geht, vom
Theater nicht erwartet, von ihm berührt zu werden - sie erwarten Diskurs, Relevanz - irgendetwas worüber man sprechen kann um den eigenen Status zu erhöhen: schau, ich kann es mir leisten ins Theater zu gehen, obwohl und weil ich Tag und Nacht schufte. Man kann auf die herabschauen, die ihre Bedürftigkeit nach Gefühl und berührt werden in (Trivial-)Literatur, Kino und vorallem Fernsehdokusoaps befriedigen und macht es doch selbst heimlich, im stillen Kämmerlein. Die Gags und Romanzen fürs Herz sind im modernen Theaterstück nicht da, wo man einfach mitlacht, wo das Volk lacht - irgendwie will man sich nicht entblöden... Vielleicht ist das mit der Liebe ein Tabu, oder auch nicht, ich schau mir den Stockmann an und denke: hat der noch alle Latten am Zaun, von Liebe kann doch kein Mensch Leben, das Geld zu hassen kann sich doch nur der leisten, der es hat, den Kulturbetrieb hasst doch nur der, der mitspielt - und kein Mensch kann nur von Liebe leben - aber ohne Liebe leben, wer kann das schon? Also schwätzt er, sein Revolutionsfähnchen ist geborgt, er ist der Wolf mit der Kreidehand? Nein ganz schwarz-weiß ist es nicht, ich denke der Mann hat Recht, obwohl ich ihm bei jedem Satz mißtraue, er hat Recht, mehr Liebe bitte, aber nicht die Absolute!
13. Mai 2010, 17:05
Liebelei: Hassliebe
unbedingt: Liebe könnte ein revolutionärer Gedanke sein. Aber wie kommt es, dass aus diesen unglaublich langen Ergüssen von Stockmann hier vor allem blinder Hass spricht? Hass gegen "die Kritiker", gegen "das Bewerten", gegen eine Kulturindustrie, zu der er gehört?? ich sehe hier keine Liebe, ich lese hier das geltungssüchtige Geschrei eines, der GELIEBT WERDEN WILL. die Revolution ersäuft in Ich-Sucht. Das ist schade, aber damit ist Stockmann ein Repräsentant jener Kultur, GEGEN die er sich wenden will. Und ganz schade ist, dass er das nicht einmal zu begreifen scheint.
15. Mai 2010, 00:05
am Stock: Woher diese Wut?
gestern und heute nach den theatertreffen-premieren: thema stockmann. ich hörte dramatiker-kollegen sagen, dass er sich da ein eigentor geschossen hat, der herr stockmann. ich sah kopfschütteln, auch anerkennendes. ist zwar ein großes durcheinander, was er hier schreibt, aber er dass er so laut und lang schreit ist ja doch interessant. woher diese wut? was ist passiert? herr stockmann: was ist das gegenteil von zynismus? liebe? wirklich? ist es so einfach? wo fängt zynismus an? es wär schon schön, wenn sie ihre gedanken noch mal ein bisschen ordnen würden.
18. Mai 2010, 11:05
Benjamin: Charakterbeschreibung
Der destruktive Charakter kennt nur eine Parole: Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen.
Sein Bedürfnis nach frischer Luft und freiem Raum ist stärker als jeder Haß.

Der destruktive Charakter ist jung und heiter. Denn Zerstören verjüngt, weil es die Spuren unseres eigenen Alters aus dem Weg räumt; es heitert auf, weil jedes Wegschaffen dem Zerstörenden eine vollkommene Reduktion, ja Radizierung seines eignen Zustands bedeutet. Zu solchem apollinischen Zerstörerbilde führt erst recht die Einsicht, wie ungeheuer sich die Welt vereinfacht, wenn sie auf ihre Zerstörungswürdigkeit geprüft wird. Dies ist das große Band, das alles Bestehende einträchtig umschlingt. Das ist ein Anblick, der dem destruktiven Charakter ein Schauspiel tiefster Harmonie verschafft.

Der destruktive Charakter ist immer frisch bei der Arbeit. Die Natur ist es, die ihm das Tempo vorschreibt, indirekt wenigstens: denn er muß ihr zuvorkommen. Sonst wird sie selber die Zerstörung übernehmen.

Dem destruktiven Charakter schwebt kein Bild vor. Er hat wenig Bedürfnisse, und das wäre sein geringstes: zu wissen, was an Stelle des Zerstörten tritt. Zunächst, für einen Augenblick zumindest, der leere Raum, der Platz, wo das Ding gestanden, das Opfer gelebt hat. Es wird sich schon einer finden, der ihn braucht, ohne ihn einzunehmen.

Der destruktive Charakter tut seine Arbeit, er vermeidet nur schöpferische. So wie der Schöpfer Einsamkeit sich sucht, muß der Zerstörende fortdauernd sich mit Leuten, mit Zeugen seiner Wirksamkeit umgeben.

Der destruktive Charakter ist ein Signal. So wie ein trigonometrisches Zeichen von allen Seiten dem Winde, ist er von allen Seiten dem Gerede ausgesetzt. Dagegen ihn zu schützen, ist sinnlos. Der destruktive Charakter ist gar nicht daran interessiert, verstanden zu werden. Bemühungen in dieser Richtung betrachtet er als oberflächlich. Das Mißverstandenwerden kann ihm nichts anhaben. Im Gegenteil, er fordert es heraus, wie die Orakel, diese destruktiven Staatseinrichtungen, es herausgefordert haben. Das kleinbürgerlichste aller Phänomene, der Klatsch, kommt nur zustande, weil die Leute nicht mißverstanden werden wollen. Der destruktive Charakter läßt sich mißverstehen; er fördert den Klatsch nicht.

Der destruktive Charakter ist der Feind des Etui-Menschen. Der Etui-Mensch sucht seine Bequemlichkeit, und das Gehäuse ist ihr Inbegriff. Das Innere des Gehäuses ist die mit Samt ausgeschlagene Spur, die er in die Welt gedrückt hat. Der destruktive Charakter verwischt sogar die Spuren der Zerstörung.

Der destruktive Charakter steht in der Front der Traditionalisten. Einige überliefern die Dinge, indem sie sie unantastbar machen und konservieren, andere die Situationen, indem sie sie handlich machen und liquidieren. Diese nennt man die Destruktiven.

Der destruktive Charakter hat das Bewußtsein des historischen Menschen, dessen Grundaffekt ein unbezwingliches Mißtrauen in den Gang der Dinge und die Bereitwilligkeit ist, mit der er jederzeit davon Notiz nimmt, daß alles schief gehen kann. Daher ist der destruktive Charakter die Zuverlässigkeit selbst.

Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er überall Wege. Wo andere auf Mauern oder Ge-birge stoßen, auch da sieht er einen Weg. Weil er aber überall einen Weg sieht, hat er auch überall aus dem Weg zu räumen. Nicht immer mit roher Gewalt, bisweilen mit veredelter. Weil er überall Wege sieht, steht er selber immer am Kreuzweg. Kein Augenblick kann wissen, was der nächste bringt. Das Bestehende legt er in Trümmer, nicht um der Trümmer, sondern um des Weges willen, der sich durch sie hindurchzieht.

Der destruktive Charakter lebt nicht aus dem Gefühl, daß das Leben lebenswert sei, sondern daß der Selbstmord die Mühe nicht lohnt.
18. Mai 2010, 18:05
Friedensreich Kielwasser: Ja, und?
Schönes Walter-Benjamin-Zitat. Aber könnte der, der das hier herein gestellt hat, vielleicht nochmal den Bezug zu Stockmann erläutern?
19. Mai 2010, 00:05
h.s.: Wie geht das - nicht bewerten?
ich möchte gern eine frage an herrn stockmann stellen: richtig/falsch ist keine gute bewertungskultur, sagt er. aber wenn er, der herr stockmann, ein buch liest zum beispiel, oder einen film sieht oder eine inszenierung, dann sagt er doch danach auch: das ist gut, das ist nicht gut. er fällt für sich doch auch ein urteil, oder? er kann es vielleicht auch begründen, aber er wird doch nicht alles gleich gut oder gleich schlecht finden, oder? daher meine frage: gibt es etwas, was nicht in die bewertungskultur gehört? wo ist das? wie funktioniert das? das interessiert mich sehr, denn aus dem beitrag von herrn stockmann kann ich da keine antwort finden. ich finde das sehr verwirrend, weil es so klingt, als solle man nicht bewerten, aber kann man einen film sehen, ohne schon zu bewerten?
19. Mai 2010, 12:05
Laura: @ F. Kielwasser
Ja, und? Genau!
Les er den Benjamin, les er dann den Stockmann (nicht seine Stücke, seine, wie er selbst befindet, politischen Äußerungen), dann noch mal den Benjamin und es stellt sich die Erkenntnis ein oder nicht. Dann lese er noch mal.

Schönen Gruß!
23. Mai 2010, 15:05
sirenomele: das wort rückrat zum beispiel
als ich vor jahren beigbeders "39,90" las, hab ich irgendwo die dort vertretene these gespeichert: es ist nicht möglich, das system zu ändern, wenn man sich mittendrin befindet. heute denke ich anders, es ist in gewissem maße möglich und muss möglich bleiben. aber es gehört einiges dazu: rückrat, verantwortungsgefühl. richtig, wenn ich als lehrerin gezwungen wäre, den schülern noten zu verteilen und das aber nicht will, dann müsste ich eben andere wege suchen, mein pädagogisches interesse auszuleben. wenn ich in einer jury sitze und stücke beurteilen muss und aber die chance habe, ein zeichen zu setzen, dann nenne ich das rückrat.

wie kann man nicht bewerten? -- die frage rührt an einen zustand jenseits der prozesse, die eben so laufen und die man wohl deshalb oft für die richtigen hält. den stücken selbst meine ich anzumerken, dass sie von dieser bewertungsmaschinerie, die ja eine ökonomische maschinerie ist, beeinflusst sind. -- natürlich ist es möglich, nicht zu bewerten, indem man zum beispiel einfach lust an der sache empfindet, indem man das dargebotene als ein angebot der kommunikation nimmt, eines von vielen. man kann dann mit diesem oder jenem nicht einverstanden und trotzdem hier und dort berührt worden sein. man kann dies und jenes zu flach finden und trotzdem einen guten gedanken in einem stück finden. man kann spaß gehabt haben und trotzdem gewissermaßen leer ausgegangen sein, weil einem der wille zu den letzten konsequenzen oder zum experiment gefehlt hat. man kann vor allem über ein und dasselbe stück sehr verschieden gedacht haben, insofern man darüber spricht und offen für andere rezeptionen ist. man kann eine eigentliche ästhetische erfahrung wochen nach der unmittelbaren rezeption machen. -- ich denke, wer wirklich offen für die sache ist und zudem etwas vom schreibprozess weiss, dieser ganzen schweren geburt eines stückes, kann nicht urteilen wollen.
25. Mai 2010, 18:05
David Spencer: Careful or the World Will Eat You
Be lucky, if you can't, be safe. I worry about you more than you'll ever know. With love.
25. Mai 2010, 22:05
ingmar: selten so viel herzblut
inzwischen bewundere ich nis-momme stockmann. so viel herzblut, so viel leidenschaft, das gibt es ja sehr selten im theater. vielen dank, dass dieses interview veröffentlicht wurde. und hoffentlich lässt sich stockmann vom betrieb nicht kleinreden, hoffentlich passt er sich nicht zu schnell an!!!

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