Donnerstag, 27. Mai 2010
Drei Tage Gastpielpause in Mülheim. Zeit für die Themen, die immer gehen: Babys etwa. Oder Tiere. Am besten beides. Tierbabys. Wie wäre es zum Beispiel mit einer drei Monate alten, 30 cm langen und fingerdicken Monokelkobra aus dem südostasiatischen Raum? Dürfte sich in diesem Stadium noch ganz niedlich ausnehmen, auch wenn sie bereits hochgiftig ist. Baldige Lähmungserscheinungen sind bei einem Biss garantiert, Todesfolge nicht unwahrscheinlich.
Gegen nichts Geringeres als ein solch gefährliches Jungtier hatten die "Stücke" aufmerksamkeitstechnisch anzukämpfen, als Mitte März die Auswahl bekannt gegeben wurde. Am 18. März um 1 Uhr früh begannen Feuerwehr, Ordnungsamt und Reptilienexperten in der Mülheimer Dachgeschosswohnung eines Mietshauses ihre Jagd auf das aus seinem Terrarium ausgebrochene Kobrababy. Seitdem hatten es die Ameisen und Grillen, die Wölfe, Lämmer und Rehe aus den Stücken, die im Mai bei den Mülheimer Theatertagen aufkreuzen sollten, verständlicherweise etwas schwer, Gehör zu finden. Was ist schon unsere tierisch behauste Neudramatik gegen reale Giftschlangengefahr?
Das Tier erhöhte seinen Faszinationswert noch, indem es mehrere Wochen lang einfach spurlos verschwunden blieb. Obwohl die Einsatzkräfte alle erdenklichen Kobra-Fangtricks einsetzten. Die Wohnung des 19jährigen Kobra-Besitzers wurde komplett leergeräumt, Dielung, Dämmung und sogar die Gipskartonwände mussten dran glauben, sämtliche Mieter bei Verwandten und Freunden unterkommen – doch von der vermissten Babyschlange keine Spur. Nach fünf Tagen verlegte man sich aufs Abwarten, verstreute 10kg Mehl im Haus, legte Klebeband aus und konnte die Gefahrenquelle so schließlich durch die Festklebe-und-Aushunger-Strategie tatsächlich unschädlich machen.
"Mülheim versus Monokelkobra. Deutschland versus Dschungel. ... Zu den größten Standortvorteilen Deutschlands gehört die Abwesenheit von echter Wildnis", schrieb Jochen-Martin Gutsch dazu Ende März im Spiegel. Und verkannte dabei, dass sich gerade Mülheim in den letzten Jahren als heimlicher Hort der Wildnis erwiesen hat. So stand uns letztes Jahr im MüGa-Park Philipp Löhles Lama aus seinem Mülheim-Erstling Genannt Gospodin leibhaftig gegenüber. Außerdem kreuzte im Vorfeld schon eine ziemlich furchterregende Todesspinne unseren Weg zum Festival. Ganz zu schweigen von dem goldenen Drachen, der im Verbund mit seinem Erdichter Roland Schimmelpfennig gleich zur Eröffnung der "Stücke" sein Haupt erheben sollte. Da sage noch einer, Theaterkritiker lebten nicht gefährlich.
Anne Peter, 16:52 Uhr















DB