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Entdeckungen der nachtkritik-AutorInnen aus dem letzten Dramenjahr

Fundstücke

5. Mai 2010. "Repräsentative Künstler allerorten, prägnante Angebote unserer Gegenwartsdramatik. Was will man mehr von einem Mülheim-Jahrgang?", sagten wir beim ersten Blick auf die Mülheim-Auswahl im März. Aber wieder nur sieben Einladungen? Von Berlin aus erschien doch gerade dieses Uraufführungsjahr als ein überaus ertragreiches.

Also haben wir wieder im großen Rund der nachtkritik-AutorInnen herumgefragt: Welches Stück ist aufgefallen? Wo fanden sich zwischen Aachen und Augsburg, Zürich und Zittau bemerkenswerte neue Texte? In den Rückmeldungen tauchte wiederholt die Frage nach Stückentwicklungen und Romanbearbeitungen auf – sind das eigentlich potentielle Mülheim-Kandidaten?

Als Rimini Protokoll 2007 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurden (was seinerzeit eine lebhafte Debatte auslöste), sah es so aus, als wären damit die Grenzen dessen, was ein Theatertext sein kann, weiter geworden. Tatsächlich hat es seitdem keine derartigen Einladungen abseits der klassischen Autorschaft gegeben. Und das, obwohl die Theater selbst immer mehr kollektiv erarbeitete Texte und Adaptionen von Prosa- und Filmstoffen auf ihre Bühnen bringen.

Unter den acht Entdeckungen, die die nachtkritik-AutorInnen jenseits der Mülheimer Stück-Auswahl im letzten Jahr gemacht haben, finden sich u.a. eine Stückentwicklung aus Freiburg und eine Romanbearbeitung aus Dresden – und eine Autorin, über die noch immer kaum mehr zu erfahren ist, als dass ihr Stück "Aufzeichnungen aus einer Doppelhaushälfte" im vergangenen Oktober am Theater Dortmund uraufgeführt wurde. Mysteriös! Ein Fall für Finderlohn.

Hier aber erst einmal die Fundstücke dieses Jahres:

Anna Behringer

Aufzeichnungen aus einer Doppelhaushälfte

Uraufführung am 24. Oktober 2009 am Theater Dortmund
Regie: Thirza Bruncken

Ganz unvermittelt springt die Autorin mitten in Szenen des deutschen Alltags, richtet tiefenscharfe Spots auf die Gesellschaft, die in ihrer verdammten Normalität mitunter erschütternd sind. Sprechen ist in diesem Stück Lebensbewältigung. Depression und Absurdität liegen da ganz dicht beieinander. Wer auch immer sich hinter dem Namen Anna Behringer verbirgt, ob Uraufführungs-Regisseurin Thirza Bruncken oder nicht, ihre Bruchstück-Szenen kennen keinen Pathos und sind doch ein Abgesang auf eine sozial deformierte Gesellschaft. - Außerdem wäre es spannend gewesen zu sehen, wer sich in Mülheim den Preis abgeholt hätte.

(Sarah Heppekausen)

Thomas Freyer
Im Rücken die Stadt

Uraufführung am 30. Januar 2010 am Maxim Gorki Theater Berlin
Regie: Nora Schlocker

Dieser Text ist, literarisch gesehen, nicht bis ins Letzte ausgereift? Kann sein. Immerhin aber ist dies wahrscheinlich einer der ersten Bühnentexte überhaupt, der sich einer Frage widmet, die nicht nur im deutschen Theater, sondern auch gesamtgesellschaftlich auffallenderweise bislang kaum gestellt wird: die Frage der jungen, diesseits von 1989 erwachsen gewordenen Generation nach dem Leben und Denken ihrer Eltern im DDR-Alltag, die Frage, wer wann und warum sich wie mit dem System arrangiert hat. Bislang diskutiert die Öffentlichkeit, wenn überhaupt, über skandalträchtige Stasi-Fälle oder zum Heldentum hochgejazzte Widerständler; das ganz normale Mitwursteln der ganz normalen Durchschnitts-DDR-Bürger kommt merkwürdig selten vor. Freyer fängt an, genauer hinzuschauen, und ist dabei weder plump moralisch noch vorwurfsvoll.

(Dirk Pilz)

pvc Tanz Freiburg Heidelberg / Christoph Frick
Hochstapler und Falschspieler

Uraufführung am 17. Oktober 2009 am Theater Freiburg (Eine Koproduktion von pvc Tanz Freiburg Heidelberg, Klara Theaterproduktionen, Zürcher Theater Spektakel, auawirleben Bern und Kaserne Basel)
Regie: Christoph Frick

Für Regisseur Christoph Frick sind die Blender in unserer Gesellschaft mächtige Entscheider und kulturelle Leitbilder. Wir sind es gewohnt, die Postels und Schneiders als kuriose Einzelfälle zu betrachten. Frick gelingt es, durch den einfachen Trick der Vervielfältigung aus dem Einzelfall die Regel zu machen. Wenn all diese Anzugträger im aufgeblähten Marktbeherrscherjargon durcheinanderpalavern, wird aus dem als kriminell gebrandmarkten Einzelfall plötzlich ein ganz normaler Tag an der Börse. Das Geniale an Fricks Inszenierung ist, dass sie nicht auf banales Finanzmarktbashing zielt, sondern gerade in der Vermischung von Tanz, Schauspiel und Musik zeigt, dass dieses Gebaren sich nicht mehr in einem bestimmten Segment der Gesellschaft isolieren lässt, sondern längst jeden Einzelkörper ergriffen hat. Das Blendwerk ist allumfassende Körperpolitik vom Börsenparkett bis zur Miniplaybackshow. Die Hochstapler sind bei Frick folgerichtig auch keine gerissenen Schlitzohren, sondern zerrissene Seelen, die eher in ihr Falschspiel hineingesogen werden. In ausgreifenden Schleifen eines ansteckenden Wiederholungszwangs umkreisen sie einen Kern, dessen Sinn verloren gegangen ist, und streben im Schlusschoral der unheilbaren Ekstase des Lügens zu. Selten hat pvc das, wofür es als physical virus collective angetreten ist, wörtlicher auf die Bühne gebracht.

(Jürgen Reuß)

PeterLicht nach Molière
Der Geizige

Uraufführung am 20. Februar 2010 am Maxim Gorki Theater Berlin
Regie: Jan Bosse

Auf seine "Lieder vom Ende des Kapitalismus" lässt PeterLicht ein Stück vom Ende des Kapitalismus folgen. Ein Remake von Molières "Der Geizige" ist es, eine bizarre Infantilo-Sprechoper voller Wohlstandsverblödeter (mit viel Getöse auf dem "I", weil alle "happy") und eine geniale Analyse der Psychologie des modernen Geldwesens à la Georg Simmel: Die Verschwender und der Geizige proben auf je eigene Weise den Ausstieg aus der Tauschökonomie und landen doch leider genau dort, wo der Kapitalismus sie haben will: bei der Fetischisierung des Geldmediums selbst. Abseits von Elfriede Jelinek und René Pollesch gibt es ja nicht so viele Theatermacher, die sich mit solch zentralen Logiken unserer Kultur auseinandersetzen. Und wenn dann auch noch Wörter wie "Eigenheimbesitzer-Delight" (lies: Häuslebauerglück) im Sekundentakt aufpoppen und Sätze wie "... da bin ich total ok aligned mit mir und dem Surrounding ... I like it!" – dann gibt es hier wirklich eine schräge, kluge Komödie, die man dieses Jahr in Mülheim vermissen wird.

(Christian Rakow)

Jan Neumann
Das Fundament

Uraufführung am 27. November 2009 am Staatstheater Stuttgart
Regie: Jan Neumann

Fünf Figuren. Fünf so präzise formulierte Psychognomien des frühen 21. Jahrhunderts, dass sie beinahe banal erscheinen. Ein Sprengstoffanschlag verbindet die Lebensläufe, zwei beendet er abrupt. Jan Neumann blickt in seiner Szenencollage tief in die schwarzen Löcher, die das unvorhergesehene Ereignis reißt, und lässt die Welt sich so gleichmütig weiter drehen, als sei nichts geschehen. Seine Zeitdiagnose: "Risse im Fundament".

(Elena Philipp)

René Pollesch
Mädchen in Uniform

Uraufführung am 25. Februar 2010 am Schauspielhaus Hamburg
Regie: René Pollesch

Hat man grundsätzlich nichts dagegen, dass auch ein Nicht-Stück ein fabelhaftes Stück sein kann (und das kann es ja ganz offenbar), bietet Polleschs straff geschnürte Montage aus Fremdaufsätzen, eigenem Kommentar und ruchloser Demontage der Selbstverwirklichungs-Kultur eine ziemlich unwiderstehliche kabarettistische Gedanken-wach-Kitzelei. Zumal der unbekümmert von Diederichsen, Pohrt und Woody Allen inspirierte (bzw. ausgeliehene) Text hier nicht nur das Theater selbst zum Thema macht, sondern zugleich prekäre Arbeits-, Lebens- und Protestformen der Gegenwart in furioser Rhetorik sehr dicht und klar beleuchtet. Dass er dabei partout nicht klarstellen will, wo die Ironie aufhört und die Ernsthaftigkeit anfängt, bringt den Stückkonsumenten außerdem in konstruktive Reflexionsverlegenheit, was ja nie verkehrt sein kann. Braucht allerdings einen humorbegabten Regisseur. Pollesch zum Beispiel scheint ganz gut geeignet.

(André Mumot)

Falk Richter
Trust

Uraufführung am 10. Oktober 2009 an der Berliner Schaubühne
Regie Anouk van Dijk/Falk Richter

Auch so ein Stück vom Rande des Systemzusammenbruchs. Es arbeitet sich an der Frage ab, welche Ungeheuerlichkeiten eine Gesellschaft ohne Vertrauen auf zwischenmenschlicher wie wirtschaftspolitischer Ebene gebiert und schlägt dabei aus den Absurditäten der finanzwirtschaftlichen Blasenbildung eine Menge aberwitzige Funken. In den besten Momenten schraubt sich Falk Richters Text zur beißenden Satire hoch, knüpft Floskelketten oder leistet sich sprachlich so manchen Pollesch-Anflug. Einer etwas waghalsigen Grundannahme folgend, schließt "Trust" die Verantwortungslosigkeit von Finanzjongleuren mit den Bindungs- und Verantwortungsängsten heutiger Beziehungsphobiker kurz. Ausgelotet wird dabei der kollektive Zustand einer Generation von karrieristischen Hyper-Individualisten, die außerhalb ihrer von Geld dominierten Arbeitswelt keine Erfahrungen mehr machen.

(Anne Peter)

Ingo Schulze
, für die Bühne bearbeitet von Jens Groß
Adam und Evelyn
Uraufführung am 20. September 2009 am Staatsschauspiel Dresden
Regie: Julia Hölscher
Staatsschauspiel Dresden

Für diese Uraufführung eines neuen - ja! - Stückes hätte das Mülheimer Auswahlgremium mal wieder über ihre Kriterien nachdenken sollen; denen zu Folge ja "Romanbearbeitungen" keine Chance haben. Ingo Schulzes Text ist eh schon sehr szenisch geschrieben, fast ein Stück; und Dramaturg Jens Groß schafft eine stringente Erzählstruktur – in Julia Hölschers Inszenierung erweist sich der Text dann prompt als klügster und profundester Beitrag im Erinnerungsgeschwurbel über "20 Jahre neue deutsche Einheit".

(Michael Laages)

 

Zur Auswahl der nach Mülheim eingeladenen Stücke.

 

Kommentare (2)

05. Mai 2010, 10:05
k.u.k.konditorei: a-z?
Von Aachen bis Augsburg und Zürich bis Zittau? Ich lese: Berlin, Dresden,Stuttgart, Hamburg und: Dortmund und Freiburg! Wow! Wie mutig! Gratulation zu diesem neuen tollen Beitrag!
05. Mai 2010, 13:05
kiel-wasser: sparen sie sich die häme
wenn sie hier die auswahl der nicht eingeladenen stücke madig machen wollen, herr zuckerbäcker aus wien, dann nennen sie doch ein paar bemerkenswerte uraufführungen aus aachen oder bozen, aus stendal oder innbruck, die ihnen in mülheim fehlen. würde ich gerne hören und interessiert mich mehr als ihre häme.

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